Wenn die Dinge des Alltags rebellieren

"Wunderkammer Design" – Nürnberg feiert den italienischen Architekten und Designer Alessandro Mendini

Es gehört mit zu den Eigenarten von Kitsch, populäre Stereotypen und Klischees als wiederkehrende Muster zu produzieren. Alessandro Mendini nutzte diese Spielarten des Trivialen, um als junger Rebell zu einem Befreiungsschlag gegen die „gute Form“ und das Diktum des Funktionalismus auszuholen. „Lebewohl originäres Design, denn es gibt nichts Neues mehr, alles wurde bereits entworfen“, erklärte der italienische Designer 1976 und schloss sich kurz darauf der radikalen Avantgardegruppe „Alchimia“ an. Design war für Mendini stets Re-Design und Entwerfen stets Dekorieren sei. Seine Möbel und Objekte zelebrieren diese provokante Haltung mit einer heiteren Ironie, die sich zuweilen absichtlich dem Nutzen verweigert und Banales mit Poesie kombiniert. Ein Blick auf diesen rebellischen, romantisch-idealistischen Gestaltungskosmos wirft nun die Ausstellung „Wunderkammer Design“ in Nürnberg. Das bunte Kuriositätenkabinett, das Werke aus vier Jahrzehnten zusammenbringt, ist auch eine Hommage an Alessandro Mendini. Der Architekt, Designer und Kritiker feiert am 16. August seinen 80-jährigen Geburtstag.

Mendinis Re-Design berühmter Klassiker entlarvt die Originale als Stilmöbel für den modernen Intellektuellen und münzt sie zu humorvollen, emotionalen Objekten um. Dem Thonet-Cafehausstuhl verpasste der Gestalter eine bunte Malerpallette, die mit einem Kranz aus farbigen Kugeln aus seiner Bugholzlehne ragt. Dem Kunststoffikone „Universale“ von Colombo gibt er durch ein grünes Marmordekor erhabene Archaik, und dem Zickzack-Stuhl von Rietveld setzte er ein Kreuz auf, das dem nüchternen Holzmöbel ein spirituelles Gesicht verleiht. „Stilemi“ nennt der Maestro die Dekorelemente seines semiotischen Gestaltungsalphabets, mit dem er Möbel sowie Gegenstände mit schablonenartigen Wimpeln und Kreissegmenten, Schmetterlingen und anderen dekorativen Elementen überzieht. Seine Entwürfe, die auch auf das Vokabular des Futurismus, Kubismus oder Pointilismus zurückgreifen und sich vieler Quellen bedienen, legen verschiedene Erinnerungsschichten frei. Wie die berühmte „Poltrona di Proust“ von 1978 – ein Louis-Quinze Sessel mit durchgängigem Tupfenmuster à la Paul Signac – erzählen diese Objekte Geschichten einer populären memoire und zeigen sich rückblickend als Vorreiter der Postmoderne.

Die Nürnberger Ausstellung blendet Mendinis Bestseller aus und widmet sich Editionen oder Einzelstücken. Lose auf hellblaue Podeste verteilt, deren Formen dem Stilemi-Katalog entlehnt sind, verzichtet die Schau auf die systematische Ordnung der Ausstellungsobjekte und lässt stattdessen assoziative Zusammenhänge für sich sprechen. Die Variationsbreite von Mendinis Re-Design wird dadurch zum Leitmotiv des Rundgangs. Die politischen Hintergründe jedoch, die Mendini seit den 70er Jahren zu einem der schärfsten Kritiker der Designwelt machen, bleiben weitgehend unerklärt. Dabei hätten seine provokanten Absichten gerade heute, da Trivialitäten und Banales längst ständige Begleiter der Designwelt sind, eine erfrischende Perspektive abgegeben.

Text: Sandra Hofmeister
Zeichnung: Alessandro Mendini, Autoritratto

„Alessandro Mendini, Wunderkammer Design“. Eine Kooperation des Neues Museums in Nürnberg mit der Neuen Sammlung – The International Design Museum Munich, bis 23. Oktober 2011

www.nmn.de
www.die-neue-sammlung.de

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