Stille Einkehr

Jakobskapelle von Michele De Lucchi im Oberland

Michele De Lucchis archaische Architektur deckt humanistische Ideale auf: Als Raum für alle Religionen huldigt die Kapelle vor allem der Natur. Im Mittelpunkt steht dabei die kosmische und kontemplative Erfahrung der umliegenden Landschaft.

Die Landschaft erfassen
Es gibt nur wenige Orte in den Alpen, die noch unberührt vom Tourismus sind. Nicht weit entfernt von Fischbachau im bayerischen Oberland ist so ein idyllischer Landstrich. Die schmale Straße dorthin führt bergauf und bergab durch grünes Hügelland und dunkle Mischwälder, vorbei an vereinzelten Höfen und saftigen Wiesen. Der Alltagscheint hier seinen unveränderten Lauf zu nehmen. Bis auf einen Bauer auf seinem Traktor ist weit und breit niemand unterwegs. Wie bunte Flecken verteilen sich die Kühe auf dem Weideland zwischen den großen Hecken. Wer diese Landschaft erfassen will, der muss sich auf ihren Rhythmus, auf die Natur und ihre Stille einlassen. Genau das hat der italienische Architekt und Designer Michele De Lucchi getan – mit einer Kapelle, die dem heiligen Jakob geweiht ist und sich in die Szenerie fügt, als ob sie schon immer dagewesen wäre. „Ich habe noch nie zuvor eine Kapelle oder einen sakralen Raum entworfen“, sagt der erfahrene Mailänder Architekt. „Das Projekt hat mich von Anfang an begeistert. Außerdem sind die Bauherren wirklich außerordentliche Menschen.“ Fasziniert von De Lucchis Architekturmodellen – kleinen, surrealistisch anmutenden Miniaturgebäuden, die mit der Kettensäge aus Holz gefertigt sind – kam die Münchner Familie auf die Idee, ein solches Modell in Groß zu bauen. Die Wiese vor ihrem Haus bei Fischbachau bot sich dazu als idealer Ort an. Der gut vorbereitete Bauantrag mit einem Empfehlungsschreiben des bischöflichen Ordinariats wurde 2011 ohne Umstände genehmigt. Bereits ein Jahr später wurde das Bauwerk mit einem ökumenischen Gottesdienst eröffnet.

Archaik und Proportionen
Stolz und erhaben liegt die kleine Kapelle auf einer Wiese gleich neben der schmalen Straße. Ihr Eingang mit einem schlichten Vordach aus Bronze richtet sich nach Süden zu den Berggipfeln der Alpenkette aus. Richtung Norden schweift der Blick zum Horizont über die Ebene, nach Rosenheim und an besonders klaren Herbsttagen bis zum Bayerischen Wald. Ein bündiges Satteldach, nur leicht geneigt, schließt den archaischen Quader ab. Keine Überstände stören die klaren Konturen des Solitärs, dessen Grundriss gerade mal 15 Quadratmeter fasst. So archetypisch und essenziell der Baukörper konzipiert ist, so reduziert sind seine Materialien. Mit Bedacht ging Michele De Lucchi bei ihrer Auswahl auf die lokalen Bautraditionen ein. Der gestockte Nagelfluh des Mauerwerks wurde in einem Steinbruch im nahe gelegenen Inntal gebrochen. „Gottesbeton“ wird der Naturstein in der Region genannt – aus ihm werden seit Jahrhunderten Bauernhöfe, Kirchen, aber auch Brücken gebaut. „Ich wollte ein Gebäude konzipieren, das wie früher mit Händen gebaut wird. Ein einfaches und essenzielles Volumen“, sagt De Lucchi. Den Fassaden der Kapelle gab er durch einen feinen, umlaufenden Sims auf Fensterhöhe klare Proportionen im Dreiviertel-Verhältnis. „Das mag auf den ersten Blick unwichtig erscheinen, ist aber ein u?beraus wichtiges Detail, das aus der Renaissancearchitektur abgeleitet ist. Der Fenstersims gibt die Proportionen des Gebäudes an.“ Über dem Sims öffnete der Architekt den nun vertikal vermauerten Naturstein zu schmalen, unregelmäßigen Fenstern, die mit unterschiedlichen Holzrastern ein einfaches und doch dekoratives Element erhalten.

Pilgertraditionen
Die Reduktion auf das Essenzielle ist entscheidend für diese archaische Kapelle, die an mehrere lokale Traditionen anknüpft. Viele Höfe im Oberland haben eigene kleine Hofkapellen – die meisten von ihnen in barocker Manier. Außerdem führt eine Variante des Jakobswegs an der Kapelle vorbei. Auf ihrer Route, die vielleicht irgendwann einmal am Grab des Apostels Jakobus in Santiago de Compostella endet, werden die Pilger durch ein einfaches Zeichen willkommen geheißen: Eine steinerne Jakobsmuschel am Eingang zeigt ihnen, dass sie hier richtig sind. Auf andere religiöse Symbole verzichtete Michele De Lucchi ganz bewusst auch im Innenraum, dessen geölter Eichenholzboden einfach und robust wirkt. Ein paar Treppenstufen führen nach oben, über den Wänden wölbt sich ein venezianischer Dachstuhl mit eng liegenden Sparren. Wo sich in anderen Kirchen die Apsis mit Kruzifix oder Heiligenbild befindet, öffnet sich in der Jakobskapelle bei Fischbachau ein rundes Fenster und streut gleichmäßiges Tageslicht in den dunklen Raum. Von der schlichten Holzbank aus, die Besucher zum Verweilen einlädt, schweift der Blick durch das Fenster über die Wiese, vorbei an drei Eschen und in die Ebene. Zwischen den großen Bäumen am Horizont ist ein filigranes Holzkreuz zu erkennen, hinter dem der barocke Zwiebelturm einer Dorfkirche aufragt.

Humanistische Ideale und die Natur
Kontemplation und Meditation waren De Lucchis Leitmotive für den Entwurf der Kapelle, mit dem er an humanistische Ideale anknüpft. „Von hier hat man einen freien Blick über die Ebene und ganz Deutschland. Eigentlich breitet sich vor dem Fenster der Kapelle ganz Europa aus“, so der Architekt. Eine ähnliche Erfahrung mag Francesco Petrarca im Jahr 1335 gemacht haben, als der italienische Dichter den Mont Ventoux in Südfrankreich bestieg. Noch heute gilt jene kosmische Erfahrung, die den freien Blick auf die Natur und ihr Wesen als Ganzes konzentriert und in einem berühmten Brief Petrarcas überliefert ist, als Geburtsstunde des Humanismus. Entsprechend dieser humanistischen Idee ist die Kapelle keiner einzelnen Religion verpflichtet, sondern für alle Religionen konzipiert. Eine davon ist nach dem Verständnis Michele De Lucchis die Natur: „Es geht mir auch um eine neue Art von Religion, die sich auf die Natur einlässt“, so der Architekt. „Wir haben heute verstanden, dass wir die Natur bewahren müssen. Es liegt in unserer ethischen Verantwortung, sie zu respektieren, besser kennenzulernen und zu bewundern.“ Die Jakobskapelle bei Fischbachau ist weit entfernt von Santiago de Compostella. Doch sie liegt mitten in der Natur und lässt sich auf deren Essenz ein. In ihrer Architektur kommt eine prägnante humanistische Idee zum Ausdruck: Der Mensch steht hier im Mittelpunkt, und seine Aufmerksamkeit wird auf die stille Kontemplation der kosmischen Natur gelenkt.

Text: Sandra Hofmeister

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