Der Boden unter dem Teppich
 

Stinkefinger Ai Weiwei ist als Regimekritiker in China prominent. In München zeigt er, wie die Kunst der Macht „Fuck Off“ sagt

Mit klaren politischen Statements hält sich der chinesische Künstler Ai Weiwei jedenfalls nicht zurück. Er verhüllte das Münchner Haus der Kunst anlässlich seiner ersten großen Einzelausstellung mit einem monumentalen Spruchband, das Missstände in China gut sichtbar macht. Die Fassadeninstallation besteht aus 9.000 Rucksäcken – kleine Ranzen von Kindern, wie sie nach dem Erdbeben in der Provinz Sichuan letztes Jahr zu Tausenden in den Ruinen lagen. Das 100 Meter lange Ornament überlagert die steinerne Fassade wie ein großes Transparent, das sich auffällig in das Stadtbild schiebt. „Sieben Jahre lang lebte sie glücklich in dieser Welt“, steht in chinesischen Schriftzeichen auf dem Spruchband – eine Nachricht, die von einer trauernden Mutter stammt. Remembering erinnert an mehr als 5.300 tote Kinder, die in Sichuan starben, die Korruption und Schlamperei beim Bau der Schulen im Erdbebengebiet mit ihrem Leben bezahlen mussten. Mit Ai Weiwei ist Kunst so politisch wie schon lange nicht mehr. Der 52-jährige Künstler bloggt und twittert gegen die chi- nesische Staatsmacht an, stellt die Unterdrückung der Menschenrechte des Einparteienstaats an den Pranger, ruft seine Anhänger im Internet zu gezielten Aktionen auf. Er sei sein eigenes Readymade, erklärt er nun in München und meint, dass Kunst und Leben für ihn untrennbar sind. Nach seinen Auslandsreisen kehrt der international renommierte Künstler stets zurück in sein Atelier nach Peking, dem er den sprechenden Namen „Fake Design“ gegeben hat. Als Regimekritiker wird er observiert, mit Kameras rund um sein Atelier überwacht, zensiert und kürzlich sogar inhaftiert und mit Faustschlägen misshandelt. Die lebensbedrohliche Gehirnblutung nach seiner Festnahme im August wurde kurz vor der Ausstellungseröffnung in München operiert.
Trotz alledem lässt Ai nicht locker: Heimliche Aufnahmen von der Verhaftung, der medizinische Befund der Ärzte, Handyfotos aus dem Krankenhaus, die seine Kopfwunde samt Blutbeuteln zu Stigmata machen, und seine Absage an die Frankfurter Buchmesse – all das hat er auf seine Blogseiten gestellt und öffentlich gemacht. So wurde die Ausstellung in München schon vor der Eröffnung zum Politikum. Auf Initiative des Kurators und Museumsdirektors Chris Dercon bloggt Ai Weiwei nun erstmals auch auf Englisch; ohne die Öffentlichkeit, so viel steht fest, läuft seine Kunst ins Leere. Sie braucht die Medien und macht den Künstler mit ihrer Hilfe zum lebenden Symbol des politischen Widerstands. Wie aber präsentiert sich diese Kunst, wenn sie auf ein museales Podest gehoben wird, sich an den weißen Wänden des Museums behaupten muss?
Die Einzelschau vereint bekannte Werke wie die Installationen der Documenta 2007 in Kassel mit frühen Foto- und Filmserien sowie aktuelleren Skulpturen aus Holz. Ais Methoden des Recyclings und der Aneignung von Handwerkstraditionen und Materialien sowie der Bezug auf die Jahrtausende „Kunst in einem Museum auszustellen ist nicht sonderlich interessant“, meint Ai Weiwei alte Kultur Chinas insgesamt verdichten sich zu einem vielschichtigen und widersprüchlichen Bild. Da sind raumfüllende Skulpturen wie Through (2007/2008), aus dem Abbruchholz von Tempeln der chinesi- schen Qing Dynastie gezimmert, neben den Coloured Vases (2008) – einer Reihe neolithischer Krüge, die Ai in Industriefarbe getaucht hat, wie sie in der Massenproduktion verwendet wird. Viele seiner Arbeiten spielen auf die Verwüstungen des kommunistischen Staatsregimes an, in dem sie sich selbst Methoden der Zerstörung zu Eigen und dabei das künstlerische Potenzial von Regimekritik zeigen. So werden die 100 knorrigen Baumwurzeln aus China, die den Hauptsaal wie ein toter Wald bevölkern, zum Fanal eines sterbenden Riesen. Die Besucher können diese Agonie als ästhetisches Erlebnis wahrnehmen – ein widersprüchliches und dennoch realistisches Bild.

„Kunst in einem Museum auszustellen ist nicht sonderlich interessant“, meint Ai Weiwei in einem Blogeintrag, „Kunst ist verbunden mit unserem Leben“. Entsprechend beeindruckend sind die Werke des Chinesen immer dann, wenn sie persönlich werden: Die fotografischen Selbstporträts aus Ais Jahren in New York, wo er sich ab 1981 als illegaler Einwanderer und Student mit Gelegenheitsjobs finanzierte, zeigen ihn als Gärtner, als Haushaltshilfe oder Opernstatist – dokumentieren eine tastende und verzweifelte Suche Identität. Klare Antworten auf diese Suche geben die deutlich späteren Studies of Perspective: Im Vordergrund der Fotos ist ein Stinkefinger zu sehen, der auf symbolische Orte wie den Tiananmen-Platz in Peking oder das Weiße Haus in Washington im Hintergrund zeigt. „‚Fuck off’ ist die Einstellung, die ich als Einzelperson gegenüber Institutionen und Machtstrukturen habe. Sie können politisch sein, kommerziell oder sogar man selber“, kommentiert Ai Weiwei seine Haltung. Zum 60-jährigen Gründungstag der Volksrepublik China hatte der Künstler auf seinem Blog einen Mittelfinger-Fotowett- bewerb ausgeschrieben, um seine Lands- leute zur Schmähung von Herrschaftssymbolen zu ermuntern. Dass solche politischen Statements mit staatstragenden Aussagen einhergehen, gehört zu den Widersprüchen in Ai Weiweis Leben und Kunst. So sind neben einer Fotoserie, die das Ausmaß der Zerstörung in Sichuan durch das Erdbeben offenbart, auch ästhetisierende und reichlich geschönte Bilder des Olympischen Stadions in Peking zu sehen. Ai Weiwei hatte die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron offiziell beim Bau des Repräsentationsgebäudes beraten. Der Eröffnungsfeier der Spiele war er dennoch fern geblieben. „Es ist ein sehr besonderer Ort“, erklärt der Künstler in den Räumlichkeiten, in denen er in München ausstellt. Das Haus der Kunst wurde als erster Monumentalbau der Nazis errichtet, sollte deren nationalistische und rassistische Kunstauffassung propagandistisch überhöhen. An verschiedenen Stellen ging Ai auf diesen historischen Kontext ein und überlagerte Vorgefundenes mit einer neu hinzugefügten Schicht, die im Fall von Soft Ground erst auf den zweiten Blick sichtbar wird: Der große Teppich unter dem toten Wald im Haupt- saal weist das präzise Muster der 996 Solnhofener Bodenplatten auf, die unter ihm verborgen sind. Von 50 Teppichknüpferinnen in Peking gewebt, sind sämtliche Ge- brauchsspuren und Schrammen, in denen sich 70 Jahre Haus der Kunst abzeichnen, exakt in das Wollmuster übernommen. Eine unheimliche Kopie made in China, die die Geschichte des Ortes aufnimmt, sich über sie ausbreitet und sie auf neue Weise sichtbar macht. Es sind Sichtbarmachungen wie diese, durch die Ai Weiweis Werk eine museale Aussagekraft entwickelt. Auch wenn die eigentliche Kunst des Chinesen sein Leben selbst bleibt.

Text: Sandra Hofmeister

Ai Weiwei So Sorry. Haus der Kunst München, bis 17. Januar 2010. Das Begleitbuch, in dem der Aufbau des Ausstellung dokumentiert wird, ist im Prestel Verlag erschienen, 128 S., mit Fadenheftung 2 €, gebunden 19,95 €.

 

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