Candida Höfers Schule des Sehens

Mir ihrer Kamera erkundet Candida Höfer menschenleere Räume. Ihre Fotografien von Bibliotheken, Lesesälen und Archiven sind begehrte Schätze auf dem internationalen Kunstmarkt und in staatlichen Museen ebenso zu Hause wie in privaten Sammlungen.

„Als Kind hatte ich andere Träume. Aber dann, zwischen 16 und 18, entdeckte ich die Fotografie als ein spannendes Medium“, meint Candida Höfer in einem ihrer seltenen Interviews. Die international gefeierte deutsche Fotografin ist berühmt für ihre menschenleeren Interieurs – Kirchen und Theatersäle, Museen und Paläste, die über den gesamten Globus verteilt sind. Konsequent konzentriert Candida Höfer ihren Blick seit den 1980er Jahren auf Innenräume, die in ihren Fotografien ein erstaunliches Eigenleben entfalten, gerade weil die alltäglichen Nutzer und Bewohner fehlen. Auch die Aufnahmen aus dem opulenten Bildband „Spaces of their own“ sind nach diesem Muster entstanden. Höfer fotografiert gerne in Zentralperspektive, ihre Motive hat sie sorgfältig ausgewählt: Es sind Archive und Bibliotheken von Buenos Aires bis Paris und von Dublin bis Neapel. Sie alle befinden sich an den Routen des Jakobswegs, jenes traditionsreichen Pilgerpfades, der aus allen Himmelsrichtungen kommend im spanischen Santiago de Compostella zu seinem Ziel findet. Seit dem Mittelalter hat der Jacobsweg Kulturgeschichte geschrieben – noch heute werden seine Pfade von hunderttausenden Walfahrern pro Jahr genutzt, um nach Gallicien zu pilgern. Höfer zeigt in ihren Bildern Räume des Wissens und der Begegnung, die im Lauf der Jahrhunderte um den Jakobsweg entstanden sind.

Zu entdecken gib es auf diesen Bildern vieles. Prachtvolle Gewölbe und nüchterne Regalreihen versammeln sich zu einem abwechslungsreichen, mal repräsentativ und staatstragenden, dann wieder privaten und intimen Reigen – und zu einer Reise, die durch die Welt des Wissens und der Kulturen führt. Durch einen schmalen Glasstreifen strömt helles Tageslicht auf die Tischreihen in die Bibliothèque Administrative in Paris – über dem langen Lesesaal wölbt sich das imposante Holzdach wie ein Schiffsrumpf. In der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar, die Johann Wolfgang von Goethe 35 Jahre bis zu seinem Tod als Bibliothekar geleitet hat, sind die ledergebundenen Folianten und Enzyklopädien in elegant geschwungenen Wandnischen angeordnet, die den hellen Raum flankieren. Candida Höfer fotografierte dieses Rokoko-Schmuckstück vor dem verheerenden Brand, der die Bibliothek im September 2004 in Teilen zerstörte. Und in Rio de Janeiro, im Real Gabinete Português de Leitura, werden Bücher gar zu einer Art Wandornament, das sich über mehrere Stockwerke und Galerien wie in einem Endlosmuster nach oben streckt. Bücherstuben, Lesesäle und klösterliche Oratorien erhalten vor Candida Höfers Linse eine zeitlose Präsenz und eine Aura, die weit über ihre funktionale Architektur hinausgeht.

Wer sich auf den ruhigen Blick der Fotografin einlässt, für den werden Details wie kunstvolle Stuckaturen, Schnitzereien oder nüchterne Holzbänke und einfache Stahlregale zu Entdeckungen, die dem Raum einen Charakter geben und Licht und Schatten reflektieren. Die Bilder der historischen und manchmal auch modernen Begegnungsräume sind dokumentarisch, sie kommen meistens ohne Kunstlicht aus und behalten das Wesentliche im Blick. Statt sich selbst als Fotografin in den Vordergrund zu spielen, zeichnet Candida Höfer sachlich und akribisch die leisen Töne und Zwischentöne ihres Metiers auf. Sie gibt den Räumen die nötige Ruhe und Gelassenheit, sich auf dem Foto zu entfalten und zu sich selbst zu finden. Aufdringlich und egozentrisch mögen andere Künstler sein – die Bühne der Selbstdarstellung überlässt die in Köln lebende Fotografin gerne ihren Kollegen und hat für sich selbst einen anderen Weg gewählt.

Mit 29 Jahren – damals war Höfer bereits gelernte Fotografin – kam sie an die Düsseldorfer Kunstakademie, wo sich in den 70er Jahren viele Avantgardekünstler tummelten. In Fotografie-Klasse von Bernd und Hilla Becher studierte sie gemeinsam mit Andreas Gursky und Thomas Ruff. Gemeinsam mit ihren Studienkollegen zählt Candida Höfer heute zu jener Generation an Künstlern, mit denen die deutsche Fotokunst in den 90er Jahren den Sprung ins Museum schaffte und den internationalen Kunstmarkt im Triumphzug für sich eroberte. Schon vor zehn Jahren nahm Höfer an der Documenta teil. Gemeinsam mit Martin Kippenberger vertrat sie Deutschland auf der 50. Biennale in Venedig 2003 und ist seitdem weltbekannt. Die Werke der renommierten Fotokünstlerin sind heute in großen internationalen Museen zu Hause und obendrein begehrt von Sammlern und auf Kunstauktionen bei Christie`s oder Sotheby`s, in London wie in New York.

„Ich bin immer unter Zeitdruck. Da meine Aufnahmen, wenn möglich, ohne Personen sind, muss ich zu speziellen Uhrzeiten arbeiten. Vor den Öffnungszeiten in der Früh zum Beispiel, wenn es schon Tageslicht gibt. Abends, wenn die Gebäude geschlossen haben, und es noch hell ist. Oder aber einfach immer dann, wenn ich eine Genehmigung erhalte“, erläutert Candida Höfer ihre Vorgehensweise. Zur Motivauswahl recherchiert sie schon vorab gründlich in Büchern und hat außerdem Hilfe in den jeweiligen Ländern, in denen sie fotografiert. Wenn sie dann selbst vor Ort ist mit ihrer Hasselblad oder einer digitalen Kamera, entscheidet sich die Fotografin spontan für einen Ausschnitt und Blickwinkel, der dem ersten Raumeindruck geschuldet ist. Doch nicht immer hat Candida Höfer auf ihren Reisen die Kamera mit dabei. In Japan, China oder Korea – lauter Länder, die sie in den letzten Jahren beuchte – gehe es ihr oft auch nur „ums Schauen“, so die Fotografin.
Die Welt mit Blicken zu erkunden, sie sachlich und nüchtern zu beobachten – diese Neugierde hat Höfers Kunst berühmt gemacht. Die Fotografin selbst begreift ihre Fotografien als eine Art Schule des Sehens. Dass durch diese Schule auch ein Archiv anwächst, das wunderbare Bilder von entfernen und nahen Orten sammelt und gleichsam für das kollektive Gedächtnis aufbereitet – oder, um es bibliophiler zu sagen, in einer Art Enzyklopädie der Zivilisation bewahrt –, ist eine Nebeneffekt, der nicht genug geschätzt werden kann. „Es sind Räume, aber das ist mir eigentlich erst später bewusst geworden“, bemerkt Candida Höfer selbst zu ihren Bibliotheksbildern, „die es in dieser Art vielleicht in zehn Jahren nicht mehr geben wird.“

Text: Sandra Hofmeister

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