Architektur kommunizieren

Österreichs Baukultur

Der Blick auf Österreich ist für mich als Münchnerin oft von ambivalenten Eindrücken begleitet. Vieles ist vertraut und lässt sich an wie ein Stück Zuhause. Berlin und Hamburg liegen von der Isar aus in weiter Ferne. Wien hingegen ist viel näher, und Salzburg, Innsbruck oder Bregenz sind unsere Nachbarn. Im Alpenraum gehen die Kulturregionen fließend ineinander über. Sie kennen keine nationalen Grenzen – auch wenn uns die Politik heute oft anderes glauben lässt! – und sind durch ihre Geschichte und Sprache in vielen Aspekten vereint. Wer jedoch von der Isar aus nach Österreich reist, dem wird auch bewusst, dass hinter dem Pfändertunnel und jenseits des Inns eine andere Baukultur herrscht. Es ist eine Kultur, in der Architektur und ihre Akteure mitten in der Gesellschaft angekommen sind und nicht am Rand stehen. Eine Welt, in der Architektur und Öffentlichkeit Hand in Hand gehen. Und ein kulturelles und architektonisches Selbstverständnis, das sich durch vielfältige herausragende Architekturprojekte auszeichnet, die einen in Staunen versetzen können. Vertraut – und dann doch anders.

Rückblick: Architektur und Öffentlichkeit
Vielleicht würde Österreichs Baukultur heute ganz anders ausfallen, wenn die Väter und Großväter der heutigen Architektengeneration nicht revoltiert hätten. „Architektur ist ein Medium der Kommunikation“ hat Hans Hollein 1967 festgehalten und der traditionellen Definition der Disziplin und ihrer Mittel die Gültigkeit abgesprochen. Die Aufbruchsstimmung der späten 60er-Jahre fand in der Architekturszene Österreichs eine wirksame Bühne. Happenings und Aktionen, Manifeste und Installationen haben den Architekturbegriff aus seinem Korsett befreit und politisiert. Zwar waren die kühnen pneumatischen Konstruktionen von Architektengruppen wie Haus-Rucker-Co temporär und nicht für die Ewigkeit. Dennoch haben sie den Architekturbegriff erweitert und in die Gesellschaft getragen – ähnlich wie die frühen Aktionen der Cooperative Himmel(b)lau oder Walter Pichlers unvergesslicher TV-Helm als tragbares Wohnzimmer. Die Zwangsjacke des Funktionalismus war der jungen Architektengeneration zu eng geworden. „Architektur ist Konditionierung eines psychologischen Zustandes“, heißt es ebenfalls in Hans Holleins „Alles ist Architektur“. Die Disziplin wurde damals neu definiert – als eine Methode der Kommunikation und der Interaktion, als eine Strategie der Ermöglichung und er Aneignung der Welt und ihrer Umwelt. Lange bevor die ersten Star-Architekten am Himmel des internationalen Geschehens auftauchten, stand in Österreich das Selbstverständnis der Disziplin in seinen Grundsätzen zur Debatte. Ob die damaligen Visionen gescheitert sind oder in Erfüllung gingen, sei dahingestellt. Maßgeblich ist vielmehr, dass sich Architektur als Medium der Kommunikation und der aktiven Gestaltung der Umwelt neu definierte – und dieses Selbstverständnis bis heute in vielen Aspekten der österreichischen Baukultur lebendig ist. Wie also positionieren sich die Epigonen, Kinder und Enkel der Aufbruchsstimmung – was zeichnet die Bauten der Jahrgänge 2016 und 2017 aus?

Bauaufgaben und regionale Baukultur
Auf der langen Liste der ausgezeichneten Architekturprojekte im Jahrbuch 2016/2017 fällt als erstes die Vielfalt der Bauaufgaben, der unterschiedlichsten Konstruktionsarten und der individuellen Lösungen ins Auge, welche die Projekte von Architekten, Landschaftsarchitekten und Ingenieuren aber auch Bauherren begleiten. Die Messehallen und Supermärkte, Pflegewohnheime und große Geschosswohnungsbauten, Notunterkünfte für Flüchtlinge und Kirchen oder Bürohochhäuser in diesem Band sind jeweils für regionale oder internationale Preise nominiert oder gekürt worden – vom Kärntner Landesbaupreis bis zum Bauherrenpreis der ZV oder dem Mies van der Rohe Award. Neben der Vielfalt der Bauaufgaben und Projekte fällt auf den zweiten Blick auch die Vielfalt der regionalen Bautraditionen auf – von Konstruktionsmethoden bis zum Einsatz von Materialien oder dem politischen Verständnis des zu ermittelten architektonischen Bedarfs. Dazu zählt der Wohnbau in Wien – ein international hoch geschätztes und bewundertes Phänomen – ebenso wie der Holzbau in Vorarlberg. Dies sind jedoch nur zwei von vielen weiteren regionalen Charakteristika, die Österreichs aktuelle ausgezeichnete Architektur in ihrer Gesamtheit auszeichnen – und zwar über die Grenzen des Landes hinaus bis nach Frankreich oder in die Türkei.
Durch Freunde, Besucher und viele Reisen in die Vierländerregion konnte ich Vorarlbergs Architektur über die Jahre beobachten und begleiten. Es ist eine Kultur, die verschiedene mutige Akteure kennt – von Architekten bis zu Handwerkern, von Bauherren bis zu Holzbauunternehmen. Sie alle tragen mit dazu bei, dass Gebäude wie die Kapelle Salgenreute im Bregenzerwald entstehen konnte: Ein Projekt, das in einem mehrjährigen Prozess des gemeinsamen Planens und Bauens von Bürgern, Handwerkern und Bernardo Bader als Architekt umgesetzt wurde – Architektur ist Kommunikation! Vorbildlich ist die Kapelle jedoch nicht nur dank ihres Entstehungsprozesses, sondern auch konstruktiv. Vorarlbergs Holzbautradition hat Schule gemacht und internationale Maßstäbe gesetzt. Projekte wie die neuen Messehallen in Dornbirn von Marte.Marte-Architekten – mit einem weitspannenden Holztragwerk, das die riesigen Hallen stützenfrei lässt – sind Pionierbauten, die das Konstruieren mit Holz stets weiter entwickeln und weiter voran treiben. Dass diese Pionierbauten ein Kulturgut sind, das auch vermittelt werden muss, versteht sich in Österreich von selbst, auch wenn es in vielen anderen Ländern nicht selbstverständlich ist. Die Verdienste der einzelnen Landesarchitekturinstitutionen, die wie das vai in Dornbirn gleichzeitig Botschafter der Baukultur aber auch Plattform für den Austausch und die Auseinandersetzung mit Architektur sind, haben hier eine herausragende Bedeutung. Architektur in der Öffentlichkeit zu vermitteln, ist heute ein Teil der Baukultur Österreichs. Auch das „bilding Kunst- und Architekturschule für Kinder und Jugendliche in Innsbruck“ greift diesen Faden auf: Das temporäre Werkstattgebäude von Studierenden des Instituts für experimentelle Architektur der Uni Innsbruck (studio 3) bringt die Auseinandersetzung mit Architektur in die Öffentlichkeit und wurde mehrfach regional und international ausgezeichnet. Kinder und Jugendliche kommunizieren also mit.

Wiener Wohnszenarien
Architektur als Kommunikation zu begreifen bedeutet auch, das Augenmerk auf Prozesse zu richten und das Zusammenspiel zwischen der Öffentlichkeit und den Akteuren der Architektur so zu moderieren, dass es zu guten Ergebnissen führt. Im geförderten Wohnungsbau, wo die Not und der Kostendruck groß sind, haben viele Metropolen Europas regelrecht resigniert und überlassen profitgetriebenen Investoren das Ruder. In Wien hingegen ist bezahlbarer Wohnraum eine Realität – nicht nur die Tradition an der Donau, sondern auch aktuelle Projekte und Programme zeigen, dass Qualität und Kosten kein Widerspruch sein müssen. So setzt die Wohnbebauung Hauptbahnhof von Geiswinkler Geiswinkler – umgesetzt im Rahmen des SMART- Wohnprogramms – auf kompakte Grundrisse und relativ kleine Wohnungen. Gleichzeitig jedoch wird die Wohnqualität des großen Wohnregals im Sonnwendviertel durch Zonen der Interaktion und der Gemeinschaft, durch Innenhöfe und Laubengänge verbessert. Dank vorbildlicher Wohnprojekte wie diesem zeichnet sich ein Weg in die Zukunft ab, der architektonische Qualität, den Bedarf, die Kosten und den politischen Willen miteinander vereint. Architektur versteht sich in diesem Zusammenhang als ein Medium, das den Alltag verbessert und den Menschen im Auge behält. Mit „Home Made“, einem Partizipationsprojekt in Wien von Caramel-Architekten, konnte ein temporäres Notquartier in einem Bürogebäude in kurzer Zeit umgestaltet werden. Die Architekten gaben den 280 Bewohnern ein Basis-Set sowie textile Elemente an die Hand – und die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit ein Stück Privatsphäre ¬für sich zu haben. „5 Minuten, 50 Euro“, war die Schlagzeile, mit der diese Architektur als Hilfe zur Selbsthilfe kommuniziert wurde. Partizipation ist eine Form der gesteigerten Kommunikation.

Der Dialog mit dem Bestand
Die Projekte dieses Jahrbuchs erzählen viele Geschichten – zu viele, als dass sie hier allesamt aufgegriffen werden könnten. Ein Aspekt jedoch soll zum Schluss jedoch nicht zu kurz kommen – er betrifft eine weitere Ebene der Architektur als Kommunikation. Die Vermittlung, der sich gebaute Projekte stellen, meint auch den unmittelbaren urbanen Raum und die Nachbargebäude. Das Bauen im Bestand ist eine allzu unterschätzte Form der Kommunikation, mit der sich Architektur auf Vorgefundenes und auf den Kontext einlässt. Projekte wie das Weingut Högl in Spitz an der Donau von Elmar Ludescher und Philip Lutz stellen vorbildhaft unter Beweis, welches Potenzial in der Kraft des Ensembles aus alt und neu steckt, wenn dieser Weg der Vermittlung als Herausforderung angenommen wird. Der Neubau ergänzt die Wirtschaftsräume des Weinguts und greift mit seiner Satteldachstruktur auf eine historische Bautradition zurück, die ihn an die Bestandsgebäude angliedert. Er schirmt von der Straße ab und bildet einen geschützten Innenhof. In ihren Materialien setzen die neue Produktionshalle und der Verkostungsraum mit Fassaden aus gekalkten Holzlamellen und dick verputzten Wänden auf Kontinuität mit der Bautradition und dem regionalen Handwerk. Zeitgenössische Architektur muss nicht laut schreien oder auftrumpfen, um sich gegenüber dem Bestand zu behaupten. Sie tut es ohnehin, wenn sich Architekten auf das Vermitteln im Rahmen gewachsener Struktur einlassen. So bewahrt auch Julia Kicks sorgfältige Intervention beim Ökonomiegebäudes Josef Weiss in Dornbirn den denkmalgeschützten Bestand und rüstet ihn gleichzeitig um für die neue Nutzung als Wohngebäude.

Etwa 160 Projekte versammelt dieses Jahrbuch. Und mit den Geschichten der einzelnen Projekte, ihrer Qualität und ihrer Akteure zeichnet es auf: Das alles kann Architektur in Österreich! Bleibt abschließend noch kurz erwähnen, dass der ambivalente Eindruck, von dem meine persönliche Sicht geprägt ist, manchmal auch Fragen auf das Baugeschehen in Österreich aufwirft. Wo bleiben die Frauen in der Architektur? Welche übergeordneten Planungskonzepte gibt es, um den ländlichen Raum in seinen Strukturen zu schützen und für die Zukunft zu stärken? In manchen Aspekten – die dann in anderen Büchern erzählt werden – gibt es durchaus Bedarf für noch mehr Öffentlichkeit und Kommunikation.

Text: Sandra Hofmeister

erschienen auf Deutsch und Englisch in:Best of Austria, Architektur 2016_1017, Architekturzentrum Wien (Hg.), Park Books, Zürich 2018

 

 

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