Im Osten was Neues

In der slowenischen Hauptstadt Ljubljana setzen die Architekten Spela Videcnik und Rok Oman mit expressiven Entwürfen Schlaglichter. Auch international macht sich ihr Büro Ofis einen Namen.

Als sei sie Teil der Natur, fügt sich die Kapelle am Waldrand in die sanfte Hu?gellandschaft. Die weichen Linien des eleganten Flachdachs umschlängeln den Andachtsraum, der wie eine Grotte in den Hang neben dem Friedhof gegraben ist. Der Blick fällt ins Tal, über die Dächer des kleinen Dorfes Krasnja, verliert sich im Grünen. Schlichter Sichtbeton und Glasflächen umhüllen die Kurven des Innenraums, die Wände sind mit robusten Lärchenholzlatten verkleidet. Nüchternheit wird Emotion, Distanz wird Nähe und Architektur zu einer Erfahrung, die das Essenzielle sucht und im Bezug zur Landschaft findet. Ein offenes Oberlicht in Form eines breiten Kreuzes taucht den Raum in ein Lichtspiel aus Hell und Dunkel und setzt ein Zeichen im Kapellendach. Ein einfaches Symbol inmitten der Landschaft.

Die beeindruckende Leichtigkeit und der verspielte architektonische Ernst der Kapelle in Krasnja im Gedächtnis, zeigt sie sich auch beim Besuch der Architekten in Ljubljana: Ofis arhitekti residieren in einem Jugendstilhaus im Zentrum der slowenischen Hauptstadt. Auf den Treppenabsätzen nobler Terrazzo, farbig gemusterte Fenster zum Hof. Die schwere Haustür im dritten Stock fällt ins Schloss. Würziger Holzgeruch steigt in die Nase, und durch die offenen Flügeltüren fällt der Blick auf eine Zimmerfolge mit einheitlichen Regalen und Holztischen, die eine sachliche Atmosphäre verbreiten. „Unser Büro ist letzten Herbst umgezogen“, sagt die Architektin
Spela Videcnik zur Begrüßung.

Leichtfüßig schwebt sie den Korridor entlang. Zwei lange Strähnen in ihren kurzen roten Haaren tanzen in der Luft und drehen schwungvolle Pirouetten. Schon vor zwölf Jahren haben sich die Architektin und ihr Kommilitone Rok Oman, kaum dass sie ihr Studium in Ljubljana beendet hatten, einen Namen mit unkonventionellen Entwürfen für große Wohnblöcke gemacht. „Wir hatten
Glück, wir haben genau zum richtigen Zeitpunkt abgeschlossen“, erinnert sich Spela Videcnik. Slowenien war im Aufbruch, die unabhängige Republik präsentierte sich mit einem jungen demokratischen Selbstverständnis, das auch nach einem architektonischen Neustart verlangte. Spela Videcnik, 39, und Rok Oman, 40, haben der postsozialistischen Wende mit ihrer Handschrift
klare Konturen verliehen. 1998 zogen sie für zwei Jahre nach London und leiteten ihre Baustellen in Ljubljana von der Themse aus. Die Rückkehr nach Slowenien war die bewusste Entscheidung für einen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, der viele Chancen bot. Schon der Name, den Spela Videcnik und Rok Oman ihrem Bu?ro gegeben haben, bekennt sich zur Heimat: „Ofis“ mit stimmhaftem „s“ ist die slowenische Aussprache des englischen „Office“.

Aus den Newcomern der jungen Alpen-Adria Republik ist längst ein renommiertes Architekturbu?ro geworden, das trotz internationaler Erfolge sympathisch bodenständig geblieben ist. Die Architekturtradition in ihrem Land, insbesondere die Bauten des Nationalbaumeisters Joze Plecnik, der die ehemalige habsburgische Provinzstadt Laibach zwischen den 1920er- und 40er-Jahren in ein originelles Stadtkunstwerk verwandelte, inspiriert Spela Videcnik und Rok Oman zu ihrer sicheren Haltung. „Ich mag es, wenn Architekten eine klare Identität haben. Und Plecnik war darin sehr erfolgreich, er ist unbeirrbar seinen eigenen Weg gegangen und hat sich nicht von Zeitgenossen wie Le Corbusier beeinflussen lassen“, sagt Rok Oman, der sich gerne im Hintergrund hält und nur bei entscheidenden architektonischen Fragen das Wort ergreift.

Eines der ersten Projekte von Ofis arhitekti – die Erweiterung des Stadtmuseums im Zentrum von Ljubljana – liegt gleich neben Plecniks Universitätsbibliothek in der Altstadt Ljubljanas. Von außen ist der komplizierte Umbau kaum sichtbar. Innen jedoch überrascht eine geschwungene Rampe mit filigraner Glasbru?stung, die sich spiralförmig vom Innenhof in den ersten Stock schlängelt. Mit Gespür für das denkmalgeschützte Sammelsurium aus mittelalterlichen Mauern und Resten des barocken Palais Auersperg legte Ofis die historischen Strukturen frei und ergänzte sie durch die Kurvenkonstruktion aus Beton und Stahl. In den Innenräumen wird der Schwung der Spirale in einer raffinierten Wegfu?hrung aufgegriffen, die Besucher auf einer Zeitreise durch die Ausstellungsräume schickt. Auf die lokalen Traditionen zu vertrauen und sie zu ergänzen ist einer der Leitsätze von Ofis arhitekti – ein Grundsatz, der schon Plecniks Werk zu einem Meilenstein gemacht hatte. Am Anfang der Entwurfsarbeit steht die genaue Analyse des Bauplatzes und seiner Umgebung. „Aus unseren Recherchen ergeben sich oft lokale Materialien und Elemente, auf die wir zurückgreifen und die wir auf unsere Art interpretieren“, sagt Spela Videcnik. Wie das Ergebnis dieser Methode ausfallen kann, zeigen die Hayrack-Apartments in Cerklje, einem Bergstädtchen nördlich von Ljubljana: Wie bei den traditionellen offenen Scheunen der Bauernhöfe in der Region ist die Fassade des Wohnkomplexes als eine Art Fachwerk aus vorgelagerten Holzbalken konzipiert. Statt Heu und Getreide daru?ber zu trocknen, dient die offene Konstruktion als rundumlaufender Balkon, der die Wohnräume beschattet und temperiert.

Rok Oman und Spela Videcnik sind Meister der kleinen Budgets im geförderten Wohnungsbau, der sich in Slowenien längst von seiner früheren sozialistischen Prägung befreit hat. In Cerklje kamen die Architekten mit Baukosten von 600 Euro pro Quadratmeter aus. Auch Projekte wie das Tetris-Haus in Ljubljana, dessen Fassade Assoziationen zu dem gleichnamigen Computerspiel auf den Plan ruft, oder die Bienenwaben- Wohnhäuser in Izola an der Küste Sloweniens zeigen, dass ästhetische Anspru?che und kreative Qualität auch mit kleinen Budgets möglich sind. „Alle Wohneinheiten haben die gleichen Grundrisse, aber wenn man mit der strikten Struktur wie mit einem Puzzle spielt, dann ergeben sich vielschichtige Muster“, erklärt Rok Oman das Entwurfsprinzip der vorspringenden Balkone in Izola. Farbige Sonnensegel reihen sich an der Fassade der „Honeycomb Apartments“, der fünfgeschossigen Apartmenthäuser am Stadtrand, übereinander, schu?tzen vor Mittagshitze und geben gleichzeitig den Blick auf das Meer frei. Die perforierten Seitenwände der wabenartigen Strukturen verwandeln die Balkone in ventilierte Zwischenräume, die die frische Brise vom Meer einfangen, die Innenräume im Sommer temperieren und im Winter als Wärmepuffer dienen.

Dass sie auch mit privaten Bauherren und größeren Budgets viel anzufangen wissen, haben Spela Videcnik und Rok Oman längst gezeigt. Am schönsten in der Galerie der Einfamilienhäuser, die die Architekten in den letzten Jahren gebaut haben, zeigt das die Villa Under in Bled: Der Bauherr wollte zusätzliche 700 Quadratmeter Wohnraum fu?r seine denkmalgeschu?tzte Villa auf dem Hügel,
außerdem sollten alle Zimmer Seeblick haben. Die schwierigen Voraussetzungen führten Ofis zu einem ebenso radikalen wie einfachen Entwurf: Statt eines modernen Anbaus entschlossen sich die Architekten, die zusätzlichen Räume unter das Gründerzeithaus in das Erdreich zu graben und mit raumhohen, durchgängigen Glasflächen zum See zu öffnen. Geöltes Buchenholz verleiht den Innenräumen, die als fließendes Kontinuum konzipiert sind, eine behagliche Atmosphäre mit furiosem Landschaftsblick. Wie ein Wirbel dreht sich eine Spirale durch das Zentrum des Hauses, greift dabei vielschichtige Blickachsen auf und verbindet den Neubau mit den darüberliegenden Räumen der alten Villa. „Die Bauherrin war ein Fan von Denver Clan“, erklärt Rok Oman ernsthaft. Dann lacht er und fügt hinzu: „Wir haben ihr erklärt, dass wir eine Treppe bauen werden, die noch viel besser ist als im Haus der Carringtons.“ Die Treppe als Schicksalswirbel, der nicht nur die Villa Under, sondern die Architektur von Ofis insgesamt beschreibt: Als kunstvolle Pirouette aus Ironie und Ernst, als Bru?cke zwischen Ost und West. Und man könnte es auch als Spirale interpretieren, die die sozialistische Vergangenheit mit der postsozialistischen Gegenwart versöhnt.

text: Sandra Hofmeister

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