Bitte zappeln!

Schulmöbel können auch anders sein. Statt striktes Stillsitzen fördern sie heute die Bewegungsfreiheit – und mit ihr die Konzentration und Gesundheit. Zwei aktuelle Beispiele zeigen, wie das Design von Stühlen Schule macht – auch im Wohnbereich.

„Ob der Philipp heute still / Wohl bei Tische sitzen will?“ heißt es in Wilhelm Buschs Geschichte vom Zappel-König. Doch Philipp kippelt weiter auf seinem Stuhl, den Ermahnungen seines Vaters zum Trotz, bis er fällt und dabei die Tischdecke samt Abendessen auf den Boden reißt. „Und die Eltern stehn dabei. / Beide sind gar zornig sehr, / haben nichts zu essen mehr“, endet Buschs Gedicht und lässt keinen Zweifel an seiner Botschaft: Zappeln ist gefährlich und bringt außerdem nur Ärger. Schon immer haben Pädagogen das Zappeln, Kippeln und Rutschen auf Stühlen verboten und dem Bewegungsdrang von Kindern gerade in Schulen deutliche Grenzen gesetzt. Stillsitzen lautete die Devise. Denn Konzentration und Leistungsaufnahme, so ein weit verbreiteter Glaube, wären grundsätzlich nicht mit Bewegung vereinbar. Was viele Schüler als Tortur empfanden, sollte im Grunde ihre Konzentration fördern. Doch dieser Zusammenhang hat sich als Irrglaube erwiesen, und die lange Ära des Zappelverbots scheint nun auch an Schulen vorbei. In Maßen freilich, die nicht den Dimensionen bei Wilhelm Busch entsprechen, kann heute mit gutem Gewissen erlaubt werden, was für viele Generationen noch undenkbar war: Zappeln ist gesund! Sogar so gesund, dass es unbedingt gefördert werden sollte.

Dynamik im Klassenzimmer
Manche Eltern reiben sich verwundert die Augen, wenn ihre Kinder heute von den Methoden ihrer Lehrer schwärmen. Vor den Schulaufgaben werden Kaugummis zur besseren Konzentration verteilt. Bei Einzelaufgaben tönt leise Musik im Hintergrund – auch das fördert erwiesenermaßen die Leistung. Und viele Lehrer geben sich Mühe, den statischen Frontalunterricht gezielt durch Bewegungseinheiten aufzulockern – mit Morgenkreisen, Zappelpausen und Atmungsübungen im Klassenzimmer. Wissenschaftliche Studien haben festgestellt, dass Bewegung grundsätzlich die Konzentration nicht hindert, sondern verbessert. Trotzdem hat es seine Zeit gedauert, bis auch das Design von Schulmöbeln auf diesen Zusammenhang eingeht, Kinder ernst nimmt und ihr aktives Sitzverhalten fördert. Kurz vor der diesjährigen Internationalen Möbelwoche in Mailand zeigen zwei aktuelle Design-Beispiele, wie dieses dynamische Sitzen ausfallen kann. Sie lenken den Bewegungsdrang von Kindern in sichere Bahnen und stellen klar, dass die Dynamik beim Sitzen auch für Erwachsene Sinn macht.

Revision eines Klassikers
„Unser Entwurf galt nicht nur einem Stuhl, sondern einem ganzen Universum“, meint Olivia Herms. „Wir waren vor Ort in Schulen, haben mit Lehrern gesprochen, Normen studiert, Anforderungen auf ihren Nutzen hinterfragt und Forschungsstudien bilanziert“, sagt die Designerin aus dem Büro Konstantin Grcic Industrial Design in München. Das Ergebnis des aufwendigen Entwicklungsprozess ist ein Stuhl, der unterschiedliche Sitzhaltungen erlaubt und Schwung ins Klassenzimmer bringt. „Pro“ ersetzt den klassischen Pagholz-Stuhl von Flötotto, der seit den 50er Jahren mehr als 21 Millionen mal verkauft wurde – ein Stuhl, der zumindest in Deutschland einen festen Platz im Gedächtnis mehrerer Generation hat. „Wir wollten die Legende Wiederbeleben und an unsere Historie anknüpfen“, so Frederik Flötotto, der das Unternehmen heute gemeinsam mit seinem Vater leitet. Der entscheidende Ansatzpunkt für die Entwicklung eines neuen Schulstuhls lag für Konstantin Grcic in der Sitzschale: Mit seiner ausgeprägte S-Form aus Polypropylen gibt „Pro“, im Rückenbereich flexibel und federnd nach. Die charakteristische S-Form der dreidimensionalen Sitzschale hat neben ergonomischen auch statische Vorteile und erlaubt ihren Nutzern durch abgerundeten Kanten, sich in alle Richtungen zu drehen. Statt der eingeengten und statischen Haltung fordert der Stuhl zum bewegungsorientierten Sitzen in unterschiedlichen Positionen auf. Er stimuliert die Rückenmuskel, reagiert auf Wirbelsäulenschwingungen und wirkt präventiv gegen Haltungsschäden.

Muskeltraining am Arbeitsplatz
Was auf den ersten Blick paradox wirken mag, ist in der Ergonomieforschung längst bewiesen. Auf körperliche Entlastung ausgelegte Sitzpositionen verbessern die gesundheitliche Verfassung nicht, sondern bedingen das Gegenteil. „Bewegungsmangel und Reizarmut führen zur schmerzhaften Degenerationen, die zusätzlich psychisch belasten“, resümiert Burkhard Remmers von Wilkhahn die Ergebnisse der Studien seines Unternehmens. Schon 1980 hatte der Bürostuhlhersteller einen Drehstuhl entwickelt, der auf das dynamische Sitzen ausgerichtet war. Statt körperlicher Entlastung, die zu explodierenden Gesundheitskosten und steigenden Krankheitsständen führt, setzt die Bürowelt auf ein neues Paradigma in der Ergonomie, das die Muskeln aktiviert. Sie entwickelt Sitzkonzepte, die Vorwärts, Rückwärts- und Seitwärtsbewegungen in freier Kombination und als Rotation erlauben.

Endlich Kippeln
Was in der Bürowelt längst guter Standard ist, wurde an Schulen bislang kaum berücksichtigt. „Wir waren schockiert von dem Mobiliar in Schulen“, meint Edward Barber vom britischen Design-Duo BarberOsgerby in London. „Seit Robin Days ‚Serie E’-Stuhl aus dem Jahr 1971 hatte sich in Großbritannien niemand mehr mit dem Thema Schulstühle beschäftigt“. Gemeinsam mit dem Schweizer Möbelhersteller Vitra entwickelten die Designer in einem mehrjährigen Prozess mit vielen Prototypen einen robusten Stuhl aus Kunststoff, der zwei unterschiedliche Sitzpositionen ermöglicht und dynamischen Unterrichtsmethoden in Design überträgt. Schon seit letztem Jahr ist der Tip Ton-Stuhl von Edward Barber und Jay Osgerby auf dem Markt – und leitete als erster eine neue Ära an Schulen und im Wohnbereich ein. Die robusten Bodenkufen des Stuhls, der als Monoblock aus 100% recyclebarem Kunststoff gegossen ist, sind nach vorne abgewinkelt. Neben der regulären Sitzposition entsteht auf diese Weise die Möglichkeit zu einer zweiten, nach vorne gekippten Haltung, die Becken sowie Rücken aufrichtet. Tip Ton lenkt das Kippeln in sichere Bahnen. Der Stuhl verstärkt die Muskelaktivität im Bauch- und Rückenbereich. Mit der Vorwärtsbewegung, die insbesondere beim Sitzen am Tisch relevant ist, zirkuliert mehr Blut im Körper und die Konzentrationsbereitschaft steigt.

Gesunde Möbel
Unverwüstbar und in hohen Stückzahlen gefertigt, erobert der Tip Ton Stuhl auch den Wohnbereich. Die Formensprache seines Designs ist absichtlich ebenso elegant wie unauffällig – mit den monströsen Gesundheitsstühlen der 80er und 90er Jahre hat das Möbel nichts mehr gemeinsam und fügt sich in seinen acht Farben in verschiedene Alltagsszenarien. „Jeder kippelt gerne ein bisschen“, meint Edward Barber. Was sich in Schulen als relevant erweist, zeigt sich auch zu Hause und nicht nur für Kinder als sinnvoll. Diesen Zusammenhang greift auch der Pro-Stuhl von Konstantin Grcic auf. In mehreren Größen gefertigt, passen sich die fünf unterschiedlichen Gestellvarianten des Modells dem Kontext an – und machen sich beispielsweise mit Holzfüßen auch am Küchentisch. Stühle sind die Königsdisziplin im Design – ihre Funktionalität ist seit Jahrhunderten erprobt. Trotzdem zeigt sich heute, dass sie durchaus noch nicht zu Ende gedacht ist, sondern gesunde Impulse setzen kann. Design macht Schule – auch für den Wohnbereich.

Text: Sandra Hofmeister

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