Garne, Webtechniken und industrielle Herstellungsverfahren

Ein Gespräch mit Hella Jongerius

Seit über 20 Jahren beschäftigt sich die holländische Designerin Hella Jongerius mit dem Design von Textilien. Sie greift dabei auf industrielle Techniken zurück und nutzt handgefertigte Details, um ihren Entwürfen einen lebendigen Charme zu geben. Sandra Hofmeister sprach mit der Art-Direktorin von Danskina und Maharam über ihre Erfahrungen mit Webtechniken und die Wirkung von Teppichen und Stoffen.

DOMUS: Viele deiner Projekte kehren die sinnlichen Aspekte von Materialien und Oberflächen hervor. Wie kam das Interesse für diesen Zusammenhang?
Hella Jongerius: Mit den Jahren ist mein Studio ein bisschen gewachsen und ich habe heute mehr Kunden, zum Beispiel die Fluglinie KLM, für deren Interiors die passenden Oberflächen entscheidend sind. Seit ich als Art Direktorin für Vitra und nun auch für Artek und Danskina arbeite, beschäftige ich mich noch intensiver mit Oberflächen und Farben. Generell aber waren Materialien immer schon mein Thema, von Anfang an. Sie sind ein wichtiger Teil von Design, der mich sehr überzeugt. Deshalb war die Richtung, die ich vor vielen Jahren eingeschlagen habe, nicht unerwartet.

DOMUS: Was sind in deinen Augen die entscheidenden Aspekte von Oberflächen?
HeJo: Mit der richtigen Oberfläche muss man nicht ständig neue Objekte entwerfen. Das finde ich recht interessant. Außerdem richtet sich Design von Bezugsstoffen auch an andere Designer, die diese Textilien für ihre Möbel nutzen – das gefällt mir daran. Sicher verhält sich die Sache bei Teppichen anders. Ein Teppich ist ein zweidimensionales und flaches Stück Einrichtung in einem Wohnumfeld. Spannend daran ist, dass Teppiche einen Raum im Raum bilden. Sie gehören wie Wände oder Böden zum Herz des Hauses. Sie schaffen eine Struktur für Möbel und frischen sie auf – das ist ein Effekt, auf den ich mich in meinen Entwürfen konzentriere. Wenn wir an Teppichen arbeiten, beginnen wir zuerst damit, ihre Garne zu entwerfen. Sie sind der wichtigste Teil des Entwurfs.

DOMUS: Dazu braucht es allerdings spezielles Knowhow...
HeJo: Ich bin auch als Textildesignerin ausgebildet – natürlich haben wir unsere Expertise für Textilien und Garne auch bei den neuen Kollektionen von Danskina eingebracht. Teppiche sind grundsätzlich eine sehr technische Angelegenheit. Die Herausforderung ist nicht nur wie weich sich ein Teppich anfühlt. Es gibt wirklich eine ganze Reihe technischer Überlegungen und Ingenieursfragen hinter solchen Eigenschaften.

DOMUS: Was erfordert mehr Aufmerksamkeit, handwerkliche oder industrielle Aspekte?
HeJo: Ich bin Industriedesignerin, deshalb konzentriere ich mich nicht darauf, möglichst viel Handarbeit einzubeziehen. Ich mag seriell produzierte Teppiche, Möbelstücke oder Textilien, weil mich der industrielle Produktionsprozess grundsätzlich überzeugt. Trotzdem versuche ich, das Gefühl von Handarbeit und Handwerk mit zu berücksichtigen. Es kann durch eine spezielle Wolle hervorgerufen werden, durch konkrete Web- oder Knüpftechniken oder durch ein Detail. Der handwerkliche Aspekt ist der Sauerstoff für den gesamten Entwurf. Er schafft mehr Individualität innerhalb des industriellen Herstellungsprozesses. Ich glaube außerdem, dass Projekte so auch leichter zu kommuniziert werden können. Ihr Maßstab wird menschlicher.

DOMUS: Deine Teppiche sind mit verschiedenen Techniken gewebt oder geknüpft und werden in unterschiedlichen Ländern produziert. Wie arbeitest du dich in die Details der komplexen Herstellungsprozesse ein?
HeJo: Um die Parameter und die Techniken kennenzulernen, reise ich zu den einzelnen Produktionsorten und finde dort heraus, was funktioniert und was nicht. Jede Teppichweberei hat ihre eigenen speziellen Fähigkeiten, zum Beispiel im Hinblick auf die Garnarten oder konkrete Webstühle. Manche Betriebe können perfekte Produkte liefern – deshalb lassen wir dort Entwürfe fertigen, deren Qualität auf Präzision und Perfektion basiert. Mit anderen Betrieben, die eigene Färbereien und Spinnereien haben, entwickeln wir spezielle Garne, für die es ein recht spezielles Knowhow braucht. Mit dem Wissen um die spezifischen Techniken und Fertigkeiten der einzelnen Zulieferunternehmen beginnen wir den Designprozess, drehen die Uhr nach vorne und finden Kombinationen für neue Designs mit traditionellen Techniken oder andersherum – für traditionelle Designs mit neuen Techniken. Für Cork and Felt-Teppich zum Beispiel haben wir eine ungewöhnliche Kombination von Naturmaterialien gefunden und sie in einer einfachen Streifentechnik verarbeitet.

DOMUS: Auffallend sind dabei die Farben. Greifst du bei deinen Entwürfen auf eine konkrete Theorie zurück oder entstehen die Farben im Entwicklungsprozess?
HEJO: Jeder Entwurf braucht eine unterschiedliche Farbpallette. Um die richtigen Farbtöne zu finden, muss man sich zuerst sicher über die genauen Charakteristika des Produkts sein. Der Lucky-Teppich beispielsweise hat durch seine runden Knoten einen romantischen Charme. Dieser weibliche Touch in seinem Design braucht softe Farben. Die Analyse des Produkts führt generell zu den Farben für die jeweilige Kollektion. Jetzt wo ich Teppiche entwerfe, bemerke ich, dass viele Leute fröhliche Farben wollen. Das ist bei Bezugsstoffen ganz anders, dort sind neutrale Farben wie schwarz oder grau vorherrschend. Teppiche aber liegen auf dem Boden und betonen die Einrichtung, deshalb dürfen sie mehr Farbe bekennen. Wenn man aber Möbelunternehmen fragt, was sich als bestes verkauft, ist die Antwort natürlich schwarz. Auf Messen sieht man zwar viele farbige Möbel, doch sie verkaufen sich nicht. Ich bin mir dieser Sache bewusst. Um jedoch eine Botschaft an die Käufer zu schicken und die Masse ein bisschen zu beeinflussen, setze ich auch bei Möbeln gerne farbige Stoffe ein.....

 

Interview: Sandra Hofmeister

 

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