Platz an der Sonne
Foto: Michel Malard

Die Architektur, die Künste und das Leben: In der Villa Noailles in Südfrankreich kommt all dies zu einem unvergleichbaren Gesamtkunstwerk zusammen.

Wie unbeschwert und leicht musste das Leben damals gewesen sein, als sich Charles und Marie-Laure de Noailles auf der Terrasse ihrer Villa in Südfrankreich trafen, um mit ihren Künstler-Freunden aus Paris zu plaudern, im Schatten der hohen Pinien zu picknicken oder sich im Boxen und in andern Leibesertüchtigungen zu üben. Noch heute ist das beeindruckende Haus, das sich das sportbegeisterte Ehepaar in den 1920er Jahren von Robert Mallet-Stevenson erbauen ließ, ein stimmiges Gesamtkunstwerk. Architektur, Design und Kunst werden hier zu einer Einheit, die früher einmal lebenstragend war.
Über der Bucht von Hyères gelegen, staffeln sich die einzelnen Flachdächer und Baukörper des Anwesens in die mediterrane Vegetation des Hügels. Sie öffnen sich mit Glasfronten, Gärten und Aussichtspunkten Richtung Süden, auf das Meer. Der kubistische Garten von Gabriel Guévrékian rundet die moderne Architektur ab, ein Indoor-Schwimmbad gab dem Domizil seine extravagante Note. Die Wohnräume des großzügigen Anwesens zeugen heute noch vom Geist der Avantgarde. Charles und Marie-Laure de Noailles waren Kunstmäzene, Freunde von Jean Cocteau und Liebhaber seiner Filme. Sie sammelten Fotografien von Man Ray und Skulpturen von Alberto Giacometti, förderten Georges Bataille und finanzierten Salvador Dalí und Luis Buñuel Skandalfilm „L'Âge d'Or“, der in der in ihrer Villa uraufgeführt wurde. Ihr Haus glich einer Wunderkammer. Die Einrichtung bestand aus frühen Stahlrohrstühlen von Marcel Breuer und Teppichen von Sonja Delaunay. Möbel von Charlotte Perriand und Eileen Grey sowie Einzelstücke von Jean Prouvé und Theo van Doesburg waren für die Noailles selbstverständlich.
Jenes „Who is Who“ der Avantgarde, das für früher einmal Alltag in der Villa war, heute noch lebendig: Eine Dauerausstellung in dem Anwesen, die jüngst um weitere wertvolle Originale erweitert wurde, dokumentiert die vergangene Epoche. Außerdem finden in der Villa Designausstellungen, Performances, Diskussionsrunden und Workshops sowie die jährliche Design Parade statt. Dieses Jahr kürte die Jury des internationalen Festivals gleich zwei junge Nachwuchsdesigner aus Island und Frankreich mit dem Grand Prix des renommierten Festivals. Statt eines rein archivarischen Museums ist die Villa Noailles ein Ort, der den Austausch zwischen Design, Architektur und Kunst fördert und ihn mit frischem Leben füllt. Die Avantgarde existiert also vielleicht noch – zumindest auf den Terrassen über Hyères.

Text: Sandra Hofmeister

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