Zauberer des schönen Scheins

Ingo Maurer ist der bekannteste deutsche Lichtdesigner. Die Vergangenheit interessiert ihn nicht, nur die Zukunft. Ein Werkstattbesuch in München.

Ingo Maurer hat seinen gestreiften Schal lässig um den Hals gewickelt und die weißen Haare sorgfältig glatt gekämmt, die Augen lächeln wachsam und freundlich. Kleine Wandlampen und riesige Lüster erhellen die Remise in der Kaiserstraße. Filigrane Objekte aus blattgoldbeschichtetem Papier und leuchtende Tapeten zeichnen die unterschiedlichsten Lichtstimmungen in dem großen Raum. Bevor sich der Showroom des Lichtdesigners in München-Schwabing heute Abend mit Gästen füllt, stellt Ingo Maurer einer Gruppe von Journalisten aus Asien einen jungen Designer vor, der seine 3D-gedruckten Möbel auf einem roten Teppich aufgestellt hat. „Ich sehe dem Gras gerne beim Wachsen zu“, meint Maurer ernst und schelmisch. Dann lobt er Dirk van der Kooijs unermüdlichen Willen, anders zu denken und nach einer neuen Ästhetik zu suchen, die schön und gleichzeitig hässlich sei – er meint, dass wir noch viel von dem jungen Holländer hören werden. Der 83-jährige Lichtgestalter Ingo Maurer ist ganz und gar in seinem Element, wenn er über die Visionen von morgen nachdenkt. Sogar so sehr, dass er vergisst, seine eigenen Entwürfe und Lichtobjekte zu erwähnen. „Die Zukunft ist mir viel wichtiger als die Vergangenheit, die finde ich nicht so spannend “ sagt er geradeheraus. Er wirkt dabei wie ein weiser Zauberer, der seine Einsichten und Lebenserfahrungen teilt. Später, zur eigentlichen Vernissage, kommen Nachbarn und Designer, Kunden und Architekten vorbei. Über die Jahre ist die Kaiserstraße zu einer Anlaufstelle für Jung und Alt geworden – ein Treffpunkt für alle Freunde des Designs und des Lichts und eine Institution, die weit über München hinausstrahlt.
1971 ist Ingo Maurer mit seinem Atelier in die ehemalige Wäscherei im Rückgebäude eingezogen. „Damals war Schwabing viel lebendiger, aber dunkel und arm“ erinnert sich der studierte Grafikdesigner. Von Beginn an hat er immer für sich selbst Lichtobjekte entworfen und nie für andere, obwohl es viele Anfragen gab. Heute sind rund 100 Lampen im Katalog seiner Firma. Sie alle entstehen in Schwabing, wo auch an komplexen Lichtplanungen für Bahnhöfe und Weingüter, Hotels oder Museen gearbeitet wird. Dass München an einigen Orten leuchtet, ist nicht zuletzt Ingo Maurer und seinem Team zu verdanken. Erst kürzlich wurde das rot schillernde, Zwischengeschoss am U-Bahnhof Marienplatz nach der Sanierung wiedereröffnet – ein Bahnhof von insgesamt vier in München, für die Ingo Maurer bislang ein gewagtes Lichtkonzept mit klaren, emotionalen Farben entwarf und umsetzte. Zurzeit wird in der Kaiserstraße an Projekten in China und Georgien gearbeitet – außerdem nimmt ein großer Lichtraum im Kunstpark Inhotim in Brasilien, nicht weit von Belo Horizonte, Gestalt an. „Eigentlich wollten die ein Museum für mich bauen. Aber ich bin ja noch nicht tot, das wollte ich auf keinen Fall!“, kommentiert Ingo Maurer den Auftrag in unvergleichbar direkten, humorvollen Art. Um die Fülle an Aufgaben in völlig unterschiedlichen Maßstäben zu stemmen, kamen von Jahr zu Jahr mehr Mitarbeiter dazu. Etwa 60 sind es heute, und Ingo Maurer nennt sie liebevoll „meine Familie“. Auch seine Tochter Claude arbeitet seit elf Jahren für das Familienunternehmen. „Eigentlich erst seit kurzem “, meint sie bescheiden und verweist auf andere, sie schon seit vier Jahrzenten fest dabei sind. Im ehemals dunklen Hinterhof entwickelte sich im Atelier von Ingo Maurer eine lebendige Kreativwerkstatt, die sich auf Nachbar- und Nebengebäude ausgebreitet hat. „Wir sind einfach gewachsen, eigentlich subkulturig“, sagt der Lichtdesigner vom Bodensee. „Für mich kommen die meisten Ideen aus der Subkultur, weil dort freier gedacht wird, unkommerziell und ohne an den Umsatz zu denken. Das fehlt heute in München etwas.“ Seit vielen Jahren schon hat Ingo Maurer auch einen Wohnsitz und einen eigenen Showroom in New York. Dort fühlt er sich seit den 1960er-Jahren zu Hause – und hat sich zu München eine gesunde Distanz bewahrt.

Zu seinen bekannten Lampen zählen Glühbirnen mit Flügeln aus Gänsefedern, Gartenschläuche, die sich zusammenrollen und aus ihren Enden leuchten, oder imposante Lüster, die Scherben von feinem Porzellantellern und -tassen samt Besteck wie in der Momentaufnahme einer gewaltigen Explosion zusammenfügen. Humor ist der rote Faden in der Entwurfswelt des Designers, der vielfach ausgezeichnet und international geehrt wurde. Auch als „Lichtpoet“ wurde Maurer schon bezeichnet – „das haben die Franzosen für mich erfunden“, meint er lächelnd zu diesem Etikett. Neue Technologien haben es ihm und seinem Team schon immer angetan. 1984 hat Ingo Maurer das erste Niedervolt-Seilsystem auf den Markt gebracht. Schon 1997 hat er Leuchtdioden eingeführt, und seit 2006 arbeitet sein Team auch mit OLEDs, organischen Leuchtdioden, die gleichmäßiges Licht auf Flächen verteilen. „Wir sind an jeder neuen Technologie interessiert“, meint der Axel Schmid aus dem Designteam bei Ingo Maurer. „Für uns ist es das Schönste, wenn es möglichst viele Technologien gibt, weil wir schnell an die unterschiedlichen Grenzen der einzelnen Leuchtmittel kommen.“ Als 2009 das Ende der Glühlampe eingeleitet wurde, plädierte Ingo Maurer dafür, sie als Designikone auf die Liste des Weltkulturerbes zu setzen. „Ich war so traurig, weil das letzte Feuer verschwunden ist“, sagt er. Nach seinem Verständnis leitet sich Licht vom Feuer und der Explosion ab. Da verwundert es kaum, dass viele seiner Entwürfe das Verschwinden der Edison-Glühlampe humorvoll kommentieren und ihre Form zitieren. Die Pendelleuchte „Wo bist du Edison,...?“ streut Halogenlicht auf einen Zylinder aus Acryl, in dem ein Hologramm der Edison-Glühlampe zu sehen ist – eine rot flackernde Fata Morgana längst vergangenen Zeiten. Die Qualität des Lichts und das Bewusstsein darum sind die eigentlichen Anliegen von Ingo Maurer – egal welche Technologie zur Anwendung kommt. „Mit Licht kann man wunderbar zart sein und man kann ganz brutal sein“, meint er. „Und man kann auch sehr viel manipulieren“. Um all diese Wirkungen ganz genau auszuloten, arbeiten er und sein Team bei großen Architekturprojekten mit aufwendig beleuchteten Modellen – sie seien viel überzeugender und vor allem präziser als jedes Computerrendering.

„Eigentlich wollte ich nur kurz da bleiben“ erinnert sich Axel Schmid an die Zeit, als er nach seinem Designstudium bei Ingo Maurer anfing. „Ich dachte damals, es ginge doch nur um Licht!“ Doch aus dem Jahr wurden mehrere – heute arbeitet der Designer seit 18 Jahren in der Kaiserstraße und ist begeistert von der Vielfalt der Projekte und Kollegen: „Wir sind ein sehr bunter Haufen, so was kann man nie wieder finden, und das mitten in Schwabing.“ Eine der Leuchten, die der Designer kürzlich gestaltete, ist schon in die feste Sammlung des Museums of Modern Art aufgenommen. „Jetzt“ ist aus einem Stück Blech gebogen und wird per USB-Stick von einer Niedervolt-Leuchtdiode erhellt – reduzierter und einfacher kann Lichtdesign nicht ausfallen. Doch in Axel Schmids Augen gibt es noch Platz für weitere Konzepte, die an diesen Entwurf anknüpfen. Man hat schnell den Eindruck, dass es in der Kaiserstraße um sehr viele Ideen geht, die diskutiert, verhandelt und verworfen werden. Manche von ihnen werden entwickelt, zur Serienreife gebracht und als Produkte verpackt und verschickt. Andere wiederum warten noch auf ihre Umsetzung....

Text: Sandra Hofmeister

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