Sammeln aus Leidenschaft

Unter der Leitung von Florian Hufnagl wurde Die Neue Sammlung in München zum weltweit größten Designmuseum. Etwa 100.000 Objekte besitzt das staatliche Museum, das 1907 als eines der ersten Designmuseen überhaupt gegründet wurde und heute auch unter dem Namen The International Design Museum bekannt ist. Nach seinem Abschied als Museumsdirektor erläutert Florian Hufnagl im Interview, was ihn in 24 Jahren zum Sammeln von Design bewegt hat.

Domus: Was hat Sie als Sammler und Museumsdirektor angetrieben, nach neuen Stücken Ausschau zu halten und sie zu erwerben?
Florian Hufnagl Mein Antrieb war die Leidenschaft und das Wissen um die Dinge, die dem Museum noch fehlten und in meinen Augen absolut notwendig waren für das Verständnis der Designgeschichte. Wenn man erstmal in der Designszene zu Hause ist, wird schnell klar, wo es welche Stücke gibt. Dann ist das Sammeln eigentlich nur eine Frage des Laufens und des Geldes.

Domus Zum Sammeln gehört auch das Archivieren, Restaurieren und Dokumentieren. Wie können staatliche Museen all dies mit ihren beschränkten Etats meistern?
FH Dazu braucht es viel Zeit und Geduld, schließlich wird das Geld, das vom Staat kommt, immer weniger. Deshalb muss man mit vielen Leuten essen gehen und sie davon überzeugen, dass sie für das Museum etwas machen können oder sollen – und in einigen Fällen dürfen. Objekte aus der aktuellen Produktion erbaten wir in der Regel von den Unternehmen. Mit dem Ankaufsetat haben wir ausschließlich historische Stücke gekauft. Oft ist der Erwerb eines Stücks ein langer Weg mit mehreren Jahren des Wartens. Insofern bedeutet sammeln auch jagen und sich auf die Suche nach einzelnen Stücken zu machen.

Domus Welches sind die besten Jagdgründe für einen Designsammler?
FH Die liegen inzwischen bei internationalen privaten Sammlern. In den 1980er-Jahren konnte man noch über den Flohmarkt gehen und Raritäten finden, doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Ein Museumsdirektor, der sammelt, muss heute international aufgestellt sein, weil nicht jedes Objekt in jedem Land zu bekommen ist. Ich hatte meine Spürhunde quer über Europa verteilt und sie jedes Jahr besucht, um den engen Kontakt zu halten. Allein ist das Sammeln gar nicht zu bewältigen. Es geht nur mit Vertrauenspersonen, die den Zustand von Einzelstücken gut einschätzen können.

Domus Wenn historische Stücke nur noch bei den Sammlern zu finden sind, ist der Designmarkt dann so unabwägbar wie der Kunstmarkt?
FH Das ist sicher so. Erschwerend kommt hinzu, dass ein Museum nicht jeden Preis bezahlen kann. Um noch vor dem Trend zu handeln, sind Schnelligkeit und eine gute Spürnase gefragt. Kein deutsches oder europäisches Museum kann es sich leisten, bei den großen Galerien in den USA einzukaufen. Irgendjemand zahlt die Preise, die dort verlangt werden, zwar schon. Aber für Museen sind sie utopisch, oft werden fünfstellige Beträge auf den Tisch gelegt.

Domus Warum sind die Preise so rasant gestiegen?
FH Das liegt sicher an dem inzwischen historischen Wert von Objekten. Ein zweiter Grund ist unser gewachsenes Bewusstsein gegenuüber dem Design. Außerdem dürfen Sie nicht vergessen, dass viele Dinge im Design selten geworden sind, weil sie Objekte des alltäglichen Gebrauchs waren. In der Regel werden solche Gegenstände weggeworfen oder sie landen in der Recyclinganlage. Design zählt nicht grundsätzlich zu den Dingen, die von einer Generation zur nächsten vererbt werden, wie zum Beispiel Gemälde. Ich denke da beispielsweise an eine Stereoanlage von Braun – mit Ablauf ihrer technischen Funktion hat sie in der Regel ausgedient. Im Hightechbereich definiert die Technologie die Laufzeit der entsprechenden Objekte.

Domus Zum Sammeln gehören viele persönliche Anekdoten. Sie müssen einen riesigen Schatz an solchen Anekdoten angesammelt haben.
FH Das stimmt, hinter jedem Objekt steht eine eigene Geschichte, die man ihm nicht ansieht. Unser Mackintosh-Schrank zum Beispiel hat eine Geschichte, die von den frühen 1990er-Jahren bis zur Eröffnung der Neuen Sammlung in der Pinakothek der Moderne reicht. Damals war der Schrank noch eine Leihgabe. Heute gehört er dem Museum. Insgesamt darf man nicht vergessen, dass sich sowohl die Entwerfer als auch die Sammler nur ungern von ihren Objekten trennen. Das ist gut so, weil Leidenschaft hinter ihnen steckt. Es macht den Erwerb allerdings auch komplizierter.

Domus Zur Leidenschaft des Sammelns gehört oft auch das Besitzen.
FH Als Museumsdirektor war ich in der glücklichen Lage, sammeln zu dürfen, ohne besitzen zu müssen. Besitz kann schließlich auch belasten! Ein Museum jedoch trennt sich nicht von Einzelstücken aus der festen Sammlung. Zum einen, weil vorher schon klar ist, dass diese Stücke dringend gebraucht werden. Zum anderen dürfen staatliche Museen auch gar nichts veräußern. Das ist sinnvoll, weil sonst jeder Nachfolger erst einmal die Objekte, die sein Vorgänger erworben hat, wieder verkaufen würde....

Interview: Sandra Hofmeister

 

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