Die Stadt für Alle

 

Spätestens der Erfolg des High Line-Projekts in New York machte das Team Diller Scofidio + Renfro zu gefragten Choreografen des öffentlichen Raums. Ein Besuch im Atelier

Die dunkle Klangfarbe macht Ricardo Scofidios samtweiche Stimme eindringlich präsent. Mit hochgekrempelten Hemdsärmeln und über die Schulter geworfener Krawatte wirkt der hagere New Yorker wie ein sanfter Poet inmitten der Architektenwelt. „Wenn ein Gewitter aufzieht, hält uns nichts am Schreibtisch. Dann beobachten wir das Naturschauspiel über den Türmen von Midtown“, meint er, und sein Blick verliert sich in den Regenwolken, die sich vor den großen Fensterbändern über dem Häusermeer Manhattans gesammelt haben.

Für die insgesamt hundert Mitarbeiter von Diller Scofidio + Renfro ist dieses New-York-Panorama Alltag. Ihr Büro im Stadtteil Chelsea liegt im 17. und 18. Stock eines Industriehochhauses aus den 1930er Jahren – früher einmal hatte Buckminster Fuller in diesem Ziegelturm ein Atelier. Nackte Betonstützen gliedern die durchgängigen großen Arbeitsräume und erinnern an ihre frühere Nutzung als Lagerhalle. Von hier oben aus dem Fenster erscheint Manhattan wie die Modellstadt einer Spielzeugeisenbahn. Der Hudson River grenzt das Panorama Richtung Westen ab, und das Empire State Building hüllt sich heute in graue Nebelschleier. Tief unten vor dem Haus, wo sich die Fußgänger wie Punkte bewegen, durchschneidet eine grüne Ader die Straßenzüge: der High Line Park. „In den Central Park gehen die Leute, um der Stadt zu entkommen. Den High Line Park hingegen besuchen sie, um die Stadt zu erleben“, meint Rick Scofidio. Als scharfsinniger Beobachter öffentlicher Räume und ihrer Funktion im urbanen Gefüge hat er sich gemeinsam mit Liz Diller und Charles Renfro einen Namen gemacht.

Die Stadt erleben
Letztes Jahr zählte der High Line Park 3,7 Millionen Besucher. Mit ortsüblichen Gräsern, Büschen und Bäumen bepflanzt, wurde die revitalisierte Bahntrasse samt ihren Brunnenanlagen und Bänken zum Ausgangspunkt einer rasanten Aufwertung des Meatpacking Districts. DS+R beobachten diesen Trend mit Sorge – die Wucht, mit welcher der Park angenommen wird, von der Immobilienbranche entdeckt wurde und auch noch weltweit Schule macht, hatten die Architekten nicht einkalkuliert. „Früher war das ein hässliches Stück Stahl, das alle loswerden wollten“, erinnert sich Rick Scofidio. Nächstes Frühjahr soll der letzte Abschnitt des urbanen Parks eröffnet werden. Die grüne Schneise streckt sich dann bis zur 34sten Straße aus und verbindet mehrere Stadtviertel an der Südwestseite Manhattans. Ursprünglich experimentierten Liz Diller und Ricardo Scofidio im Kunstbereich. Für ihre Choreografien und Bühnenbilder gründeten sie 1979 ein Büro in New York. Den internationalen Durchbruch schafften die Architekten 2002 mit dem Blur-Building für die Schweizerische Landesausstellung am Neuenburger See – eine Wolke, die mit dem Nebel verschmilzt und ihre luftigen Schleier zu einem Sinnestaumel für die Besucher ausbreitet (B8/03). 2004 kam Charles Renfro als dritter Büropartner hinzu. Seitdem ist der Maßstab der Projekte stetig gewachsen, wobei Performances und Theaterinszenierungen nach wie vor im Fokus der Architekten stehen – neben Stadtplanungs- und Neubauentwürfen, Umbauten und Erweiterungen. „Wir arbeiten kontextbezogen. Doch es geht uns nicht darum, postmoderne Bilder zu schaffen, wir erkunden die Möglichkeiten für Erfahrungen und für Typologien“, sagt Charles Renfro. Wie intensiv diese Erfahrungen im urbanen Raum ausfallen können, zeigt die Renovierung und Erweiterung des Lincoln Centers in New York (B1/11, Seite 14). Vor zehn Jahren setzte sich DS+R im Wettbewerb durch. Seitdem ist das Großprojekt ein permanentes „work in progress“. „Ich habe das Lincoln Center früher nie gemocht. Es hat sich wie eine Festung von der Straße abgeschottet und wollte nichts mit der Stadt zu tun haben“, meint Ricardo Scofidio. Wer heute auf der Plaza vor der Metropolitan Opera steht, zuvor schon die flirrenden LED-Installationen auf den Stufen der einladenden Treppe zum Broadway bestaunt hat und die belebten Höfe und Grünflächen des großen Blocks erkundet, der wird kaum glauben, dass die brutalistische 60er-Jahre-Architektur von Pietro Belluschi jemals abweisend sein konnte. Bäume, Bänke und Wasserspiele bilden eine offene, urbane Landschaft, die auch die angrenzende Juilliard School samt ihrer neu gestalteten Fassade einbezieht. „Wir wollten das ganze Potenzial dieser monumentalen Architektur erkunden und ihren genetischen Code so interpretieren, dass er für mehrere Generationen des kulturellen und politischen Wandels erfahrbar wird“, so Charles Renfro.

Dem öffentlichen Leben Raum geben
Auf den ersten Blick sind die durchdachten Eingriffe von Diller Scofidio + Renfro vielleicht nicht spektakulär. Laute Gesten und Egozentrik zählen nicht zu den Werkzeugen, mit denen die Architekten hantieren. Ihre Projekte und Konzepte sind auf einen Mehrwert ausgerichtet, der sich aus der Sache selbst erklärt und das alltägliche Leben bereichert. Im Fall des Hirshhorn-Museums in Washington D.C. haben DS+R eine temporäre, luftige Installation vorgeschlagen. Im Winter wird erstmals eine große pneumatische Blase aus dem Flachdach des Museumzylinders an der National Mall herausragen und den Innenhof bis hinunter zum Erdgeschoss in einen Raum fassen. Zweimal im Jahr soll die aufblasbare Struktur aus transluzenter Membran installiert werden und über 3.000 Quadratmeter zusätzliche Fläche für Diskussionen und Vorträge schaffen. Raum für das öffentliche Leben war auch der Leitgedanke für den Neubau des Museums für Bild und Ton in Rio de Janeiro. Direkt an der Copacabana und an der berühmten, von Roberto Burle Marx gestalteten Strandpromenade gelegen, öffnet sich die Fassade des Museums in Rampen und Treppen, welche die einzelnen Galerieetagen miteinander verbinden und im Zickzack nach oben führen. „Ohne Ticket bis auf das Dach“, kommentiert Charles Renfro diesen vertikalen Boulevard an der Meeresseite des Museums, das nächstes Jahr eröffnet wird. Die große Panoramaterrasse auf dem Dach bleibt rund um die Uhr zugänglich und ist durch ein Open-Air-Kino ergänzt. War der Blick über die Copacabana bislang den Touristen der Luxushotels und -restaurants an der Avenida Atlântica vorbehalten, so wird er demnächst für alle möglich sein – und neue Perspektiven über die Stadt bieten. „Ein wirklich öffentliches Gebäude“, sagt Charles Renfro. „Und ich meine damit, dass es niemanden ausschließt, sondern sich wirklich an alle richtet, auch an zufällige Passanten.“

Text: Sandra Hofmeister

 

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