Familientreffen an der Côte d'Azur

 

Die 10. «Design Parade» der Villa Noailles im südfranzösischen Hyères ermuntert Nachwuchsgestalter zum Experimentieren. Sie baut Brücken zwischen den Generationen und vermittelt auf internationaler Ebene.

Wie die Felder eines Schachbretts reihen sich die einzelnen Betonquadrate aneinander. Sie variieren an Höhe und Farbe – manche von ihnen fassen karge Beete mit Kakteen. Der kubistische Garten von Gabriel Guévrékian liegt auf der untersten Terrasse im Garten der Villa Noailles. Er ergänzt Robert Mallet-Stevens' Architektur aus den 1920er Jahren zu einem Gesamtkunstwerk der Avantgarde. Die grosszügige Ferienresidenz der Pariser Aristokraten Charles und Marie-Laure de Noailles liegt inmitten von Gärten und Terrassen auf einer Hügelkuppe über dem südfranzösischen Städtchen Hyères. Das laute Zirpen der Zikaden in den alten Pinien gehört im Sommer mit zur Atmosphäre. Von den grossen Fenstern und Aussichtspunkten fällt der Blick nach Süden auf das funkelnde Meer in der Bucht von Hyères. Wie unbeschwert muss das Leben damals gewesen sein, als die Noailles ihre Freunde an der Côte d'Azur empfingen. Die abenteuerlustigen Kunstmäzene und Enthusiasten des Avantgardefilms vergnügten sich mit Gästen wie Man Ray, Jean Cocteau und Salvador Dalí oder Luis Buñuel im Schwimmbad des Hauses, sie spielten Squash in der eigens dafür gebauten Halle und inszenierten ein radikal «anderes», antibürgerliches und modernes Leben – abseits von Paris. In den kürzlich restaurierten Sammelalben von Marie-Laure de Noailles, die nun in der permanenten Ausstellung der Villa zu sehen sind, wird diese Lebenshaltung in Collagen lebendig. Zeitungsausschnitte, Skizzen und Notizen sind nach Datum sortiert und auf Doppelseiten geklebt – lauter Fragmente, die ein unvergleichbar spannendes Panoptikum der Moderne abgeben. Auch Nachrichten von Freunden sind im Album, ein Notizzettel von Jacques Lacan, Fotografien von Man Ray oder ein Telegramm von Thomas Mann.


Esprit der Avantgarde
Auch heute ist das Anwesen noch erfüllt vom Esprit der Avantgarde. Seit den 1990er Jahren wird die Villa Noailles für Ausstellungen, Festivals und Workshops genutzt. Mit Unterstützung der Gemeinde Hyères, der Agglomeration, des Departements, der Region sowie des Kultusministeriums in Paris hat sich unter der Leitung von Jean-Pierre Blanc ein lebendiger Kulturtreffpunkt entwickelt, der die Tradition von früher fortsetzt. Jedes Jahr im Sommer zieht die «Design Parade» internationale Nachwuchsgestalter an und ermutigt sie in einem Wettbewerb zum freien Experimentieren und Ausprobieren – ganz im Sinne der Noailles und ihrer Künstlerfreunde. Das Programm des Festivals und die Ausstellungen in den Räumen der renovierten Villa überzeugen durch internationales Niveau.
«Meine Objekte sind wie Wörter», meint Pierre Charpin. «Sie formen Sätze und kommunizieren miteinander.» Im Schwimmbad und in der Squashhalle der Villa stellt der französische Designer und diesjährige Jurypräsident insgesamt 40 Einzelwerke aus – darunter filigrane Arbeiten aus Sèvres-Porzellan und schillernde Vasen aus farbigem Glas – in limitierter Auflage hergestellt. Die Ausstellung «Villégiature» zeigt Charpins phantasiereichen experimentellen Kosmos, in dem sich Proportionen und Materialien, Formen und Farben frei entfalten. Mit Bedacht wählte der Jurypräsident dazu hauptsächlich Objekte, bei deren Gestaltungsprozess die Entwerfer nicht unter dem Druck standen, das Endresultat als serienproduzierte Massenware verkaufen zu müssen.
Im Untergeschoss der Villa stellen zehn Nachwuchsdesigner ausgewählte Projekte aus, die von den rund 300 Einreichungen für den diesjährigen Grand Prix bis in die letzte Runde kamen. Samy Rio hat vor kurzem sein Design-Studium an der Ensci – Les Ateliers in Paris abgeschlossen und nun mit seiner Diplomarbeit in Hyère den Hauptpreis gewonnen. Seine Recherche zum Werkstoff Bambus hat es in sich: Zunächst untersuchte Rio, inwiefern die Pflanze geeignet ist, Kunststoff zu ersetzen. Mit CNC-Fräsen entstanden aus den unregelmässigen Bambusrohren millimetergenaue Einzelteile, deren Einsatzmöglichkeiten unendlich schienen. Als Fallbeispiele griff der junge französische Gestalter dann zwei Entwicklungsmöglichkeiten heraus. Er kombinierte das Material mit Kunststoff und Hightech-Elektronik zu Bluetooth-Lautsprechern und Haartrocknern.
Die Finalisten der Auszeichnung zur zehnten «Design Parade» kommen aus Grossbritannien und Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz. Mit Preisgeldern jedoch locken weder die Auszeichnung noch das Festival an sich. Stattdessen steht die Erfahrung im Mittelpunkt: Die Gewinner erhalten ein einjähriges Forschungsstipendium in der Sèvres-Porzellanmanufaktur, sie werden durch Workshops und Ausstellungen unterstützt. Wer es also geschafft hat, der wird in den Kreis der Familie aufgenommen und im Folgejahr mit einer Einzelausstellung in der Villa gewürdigt. Der Brückenschlag zwischen einzelnen Hochschulen, zwischen den Generationen und erfahrenen Gestaltern wie Pierre Charpin und dem Nachwuchs gehört mit zum Konzept. Samy Rio hätte sich keinen besseren Start nach dem Studium vorstellen können. Nun sucht er nach einem Hersteller, der sein Bambusprojekt in Serie produzieren möchte.
Neu im Familienalbum der Villa Noailles sind auch zwei Absolventen des Royal College of Arts in London: Der Deutsche Max Frommeld und der Schweizer Arno Mathies gewannen den diesjährigen Jury- und den Talentepreis. Ihr Faltschlitten überzeugt durch seine Materialkombination. Das geschwungene Gestell für die Kufen ist aus Esche geformt, das Sitzgestell aus Kunststoff konstruiert, der sich dank seiner Verarbeitung an den entscheidenden Kanten knicken und falten lässt. Ein unsichtbares Untergestell aus Metall arretiert den Schlitten in aufgefaltetem Zustand. Ab der kommenden Saison wird das Wintersportgerät von Graf Schlitten, einem Schweizer Handwerksbetrieb aus Sulgen, gefertigt und vertrieben.


International vernetzt
So sind denn die Wege von überzeugenden Designentwürfen manchmal recht eigenwillig: Kürte doch die achtköpfige internationale Jury der «Design Parade» in der Sommerhitze Südfrankreichs mit diesem Faltschlitten ein Projekt, das in London entstand und demnächst seine eigentliche Bestimmung im Schnee der Alpen finden soll. Doch für die Villa Noailles dürften solche Zusammenhänge kaum neu sein. Schliesslich war auch die Avantgarde, die sich im frühen 20. Jahrhundert hier traf, bestens international vernetzt.

Text: Sandra Hofmeister

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Dr. Sandra Hofmeister

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