In der Schatzkammer der Ideen

Manchmal sind es kleine Dinge, die den Alltag stärker prägen als große Erfindungen. Meistens sind sie nahezu unsichtbar: Sie haben sich längst in das Repertoire der Gewohnheiten eingeschrieben und gehören zur unhinterfragten Routine. Trotzdem lohnt es sich, über diese kleinen Dinge des Alltags nachzudenken, sie neu zu entdecken, anders zu interpretieren und die Klaviatur der Gewohnheiten auf diese Weise umzuschreiben.

Beim diesjährigen Salone del Mobile in Mailand blieb die große Revolution zwar aus, doch es gab Überraschungen am Rande, die einen frischen und differenzierten Blick auf den Alltag offenbarten. Eine dieser unerwarteten Gelegenheiten bot sich in der Via Manzoni im neuen Alessi Shop. Dort war – unter großem Getöse angekündigt – der neue Klappstuhl von David Chipperfield zu sehen. Was jedoch viel mehr bestach als der ausgestellte Prototyp dieses eleganten, in seinem Sitzkomfort sicher noch zu verbessernden Stuhl aus recycelbarem Polypropylen, waren die kleine Ausstellung der ECAL/University of Art and Design Lausanne und eine Serie von LED-Leuchtkörpern, die im Alessi Research Lab entwickelt wurden.

Wenn Lampe und Leuchte eins werden
Eigenartige Leuchtkörper waren in einem abgedunkelten Zwischenraum zu einer kleinen Galerie funkelnder Glühelemente aufgereiht. Ihrer Form und Größe nach erinnerten sie an Glühbirnen, die sich als kleine Flammen, futuristische Blasen oder als Miniaturen von geschliffenen Kristallleuchtern präsentierten. Die Technologie jedoch, die hinter diesen Lampen steckte, war die von LEDs. Statt nach neuen Leuchtenarten und -formen für Leuchtdioden zu suchen, wie es derzeit viele Leuchtenhersteller mal mehr und mal weniger gelungen tun, sind die jungen Designer Giovanni Alessi Anghini, Gabriele Chiave und Frederic Gooris genau umgekehrt vorgegangen. Sie haben traditionelle Leuchtenformen auf die LED-Technologie übertragen.

„Paraffina" zum Beispiel von Frederic Gooris streut mit ihren 5,5 Watt in Form einer alten Öllampe warmes Licht in ihre Umgebung, wobei der gläserne Schirm des historischen Vorbildes durch eine entsprechend geformte, lang gestreckte LED-Glühbirne ersetzt ist. Leuchtmittel und Leuchte werden so zur Einheit. Als Tischleuchte „Ricordo" mit Porzellan zelebriert die LED-Öllampe nostalgisch die Erinnerung an die Vergangenheit, wobei sie technologisch im Heute verankert ist. Auch in der Tisch-, Wand- oder Deckenleuchte „DR", die Giovanni Alessi Anghini und Gabriele Chiave mit Blick auf Dieter Rams „Less is better!" entworfen haben, wird das Leuchtmittel zur Leuchte. Lampenschirme werden hinfällig, da auch hier die Form der LED-Birnen deren Funktion mit übernimmt. „Ich glaube, dieses Design-Projekt wird die Tür zu einer Revolution in der Lichtwelt öffnen", meint Alberto Alessi. „Es ist als ob wir diese oft einfach hässlichen, langweiligen und ausdruckslosen Glühbirnen nicht länger verstecken müssen."

Vielleicht also doch eine Revolution, die sich da anbahnt? Jedenfalls können die insgesamt sieben unterschiedlich geformten Alessilux-Lampen, die das holländische Unternehmen Foreverlamp produziert, schon jetzt erworben werden. Mit knapp über vierzig Euro pro Stück, dafür aber ungleich höherer Lebenszeit und deutlich weniger Energieverbrauch als herkömmliche Lampen, beweist das Experiment schon jetzt, dass es durchaus nicht als Gag gemeint ist, sondern den Alltag auf einfache Weise bereichern kann.

Die Bürowelt neu interpretieren
Alltagstauglich und überraschend, wenn auch in ganz anderer Hinsicht, waren die Ergebnisse eines Workshops, den Alessi gemeinsam mit den Bachelor-Studenten der kantonalen Kunsthochschule Lausanne im Herbst und Winter 2010 durchführte und die im rückseitigen Ladenraum in der Via Manzoni ausgestellt waren. Das Ziel des Workshops für Studenten im zweiten Studienjahr war klar vorgegeben: neue Gegenstände des täglichen Bürobedarfs zu entwickeln. Unter der Leitung von Elric Petit entstand ein optimistischer Blick auf das Arbeitsumfeld und die Objekte des täglichen Bürobedarfs, der ebenso humorvolle wie elegante, emotionale wie funktionale Objekte hervorbrachte.

Die Stiftebox „Frana" zum Beispiel von Christophe Guberan lässt sich durch ihren Schwingdeckel öffnen und schließen. Sie verbirgt oder präsentiert ihren Inhalt, duckt sich wie ein flacher Findling auf der Schreibtischoberfläche, und wird zum stillen Helfer des Alltags, der sich ganz unaufgeregt in seine Umgebung integriert. Wie ein fliegendes Gespenst im Miniaturformat zieht „Spettro" von Matthieu Girel Büroklammern magnetisch an und macht deren mühseliges Aufsammeln überflüssig. Die Uhr „Ora" von Isaure Bouyssonie hängt wie ein schwebendes Mobile mit reduzierten, zarten Formen von der Decke, wobei sich die beiden Uhrzeiger auf einer ziffernlosen Scheibe keck in die Luft recken und das Gleichgewicht des fliegenden Objekts verändern. Beeindruckend war nicht nur die Tiefe, mit der verschiedene Funktionen des Büroalltags untersucht und erkundet wurden, sondern auch die schlichte Sprache der Objekte. „Filo" zum Beispiel von Marie Schenker ist ein Klebebandroller, der aus einem einfachen Stück gebogenem Stahldraht besteht und den Gedanken an herkömmliche Exemplare der Gattung zum Albtraum macht. „A4" hingegen zelebriert die Auflösung des Materials mit einer ebenso logischen wie einfachen Idee: Die Außenwände des Papierkorbs entstehen nach und nach, wenn Papierblätter in die dafür vorgesehene, flache Holzunterlage geschoben werden.

Ob all diese reduzierten, ebenso schönen wie einfachen Dinge des täglichen Büroalltags zu Hause oder am Arbeitsplatz realisiert werden, ist noch unklar. Doch Alberto Alessi hofft auf eine Produktfamilie, die nach einer weiteren Entwicklungszeit und Vertiefung der Workshopergebnisse entstehen könnte. Der Blick hinter die Kulissen der Marke Alessi – in das bunte Sammelsurium eines lebendigen Forschungsfeldes aus Workshops und Kooperationen –, offenbart eine vielschichtige Ideenschmiede, die in der eklektizistischen „Enciclopedia Alessi" aufgeht und auch neunzig Jahre nach den Anfängen des Unternehmens ihre Kraft beweist. Ob dabei ein Klappstuhl von einem Stararchitekten unbedingt mit dazugehört, ist eigentlich fast irrelevant.

Text: Sandra Hofmeister

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