Vom Himmelszelt zur temporären Rauminstallation

Fliegende Bauten, demontable Hallen und andere wandelbare Räume: Es gibt unendlich viele Variationen textiler Architektur und ebenso viele Zelttypen wie Kulturen oder Klimazonen. Meistens sind sie ephemer und temporär. Mit diesen Eigenschaften stehen sie im Kontrast zur heroischen Geste klassischer Bauten und widersetzen sich sich gegen deren starre Form. Gleichzeitig jedoch sind Zelte auch Metaphern und Archetypen. Ihre Bedeutung als Urhütte und Himmelzelt zählt mit zu den Ursprungsmythen der Architektur und ist in der Geschichte vieler Kulturen verankert. Erst mit Frei Otto, der letztes Jahr postum mit dem Pritzker-Preis für Architektur ausgezeichnet wurde, begann der moderne Zeltbau – die Urhütte wurde zur raffinierten Konstruktion. Der Architekt aus dem schwäbischen Warmbronn experimentierte in Modellversuchen mit Textilien und Membranen. Er entwickelte komplexe Zeltstrukturen, die sich nicht mehr auf den konventionellen Kanon der Architekturregeln festlegten und gerade darin ihre Vorteile entdeckten. Die leichten Flächentragwerke Frei Ottos, beispielsweise die märchenhafte Zeltdachlandschaft des Deutschen Pavillons auf der Expo 1967 in Montreal, sind aus beschichtetem synthetischen Gewebe gespannt und bis heute Meilensteine der Architektur. Als Archigram ebenfalls in den 1960er-Jahren mit Textilien experimentierte, war das britische Avantgardekollektiv vor allem an den spezifischen Eigenschaften des weichen Materials interessiert. In ihrer „Instant City“ erdachten die Architekten Räume, die als Gesamterlebnis aus Licht und Klang erfahrbar werden sollten und auf Textilien setzten. Weiche und formbare Fasern, deren Eigenschaften die Akustik, das Licht und die Sinne insgesamt beeinflussen, standen fortan im Fokus von textilen Rauminszenierungen. Verner Pantons Wohnvision „Visiona 2“, die 1970 auf der Kölner Möbelmesse präsentiert wurde, war in dieser Hinsicht ein Meilenstein. Die radikale Utopie verbindet Architektur und Design zu einem Gesamtkonzept, in dem sich die Kurven und Schwünge textiler Oberflächen zu einem vielschichtigen Sinneserlebnis verdichteten.

Wellen, Kurven, Vorhänge
Sebastian Herkner nutzt in seiner diesjährigen Installation „Das Haus – Interiors on Stage“ ebenfalls die Eigenschaften von Textilien für ein temporäres Ausstellungsformat, das an die Sinne appelliert. Die Wände und das Dach sind aus insgesamt 1.000 Quadratmetern Stoff geformt, der sich in Wellen legt, faltet, und in fließenden Kurven Räume umzirkelt. „Textilien haben in den letzten Jahren eine regelrechte Renaissance erlebt“, so der diesjährige Guest of Honour der imm cologne. „An den klassischen Vorhang denkt dabei aber eigentlich niemand, obwohl er archetypisch ist“. Waren Vorhänge bislang Zeichen des bürgerlichen Wohnens, so sind sie in Sebastian Herkners temporärem Messepavillon „Das Haus“ von dieser Pflicht befreit. Teils hängen die Vorhänge fünf Meter von der Decke – sie formen die Wände und Räume des Hauses, geben ihm eine weiche und wandelbare Komponente. Wie eine Zwiebel legen sich die beweglichen Vorhänge in einzelnen Radien und Schichten um den zentralen Innenhof des kreisrunden Hauses. Mal wirken sie transparent, mal sind sie blickdurchlässig und in mehreren Ebenen parallel übereinander geführt. Insgesamt 10 verschiedene Stoffe des deutschen Textillabels Nya Nordiska kommen im Haus zum Einsatz. Sie werden auf 260 Metern Schiene geführt, die teils motorisiert sind. Das Ergebnis ist dieses textilen Konzepts ist ein vielschichtiger Raum, der durch seine beweglichen, textilen Trennelemente offen und einladend wirkt. Lichtreflexe auf den unterschiedlichen Stoffen, deren Farben neben hellen Mineraltönen gezielte Akzente in leuchtendem Gelb und Blau setzen, machen die Wände des Hauses lebendig. Mal sind sie durchsichtig oder transluzent, erlauben Durchblicke und Einblicke, je nach ihrem Strukturdessin. Dann wieder sind sie blickdicht, überlagern und verdichten sie in mehreren Schichten.

Wellblech, perforierte Elemente, Gitter
Textilien sind für Sebastian Herkner eine Leidenschaft. Der deutsche Designer arbeitet seit einigen Jahren mit Nya Nordiska zusammen – beispielsweise bei Projekten wie dem Messestand der imm Cologne 2015, den er für das Familienunternehmen aus dem Wendland entworfen hat. Mit „Das Haus – Interiors on Stage“ ist ein neues Kapitel dieser Kooperation. Denn zu den verwendeten Stoffen der temporären Rauminstallation zählen auch fünf neue Designs aus der Kollektion 2016, die der Gestalter eigens für „Das Haus“ entwarf. Entsprechend seinem Konzept, die Wände seiner temporären Architektur aus Textilien zu gestalten, setzen die neuen Stoffe Referenzen zu klassischen Baumaterialien, denen ihre Muster und Strukturen ähneln. „Onno“ beispielsweise ist ein Plisseestoff, dessen Falten an Wellblech erinnern. Das textile Netz „Ray CS“ wiederum greift in der dreidimensionalen Wirkung seines grafischen Musters die Strukturen eines Gitters auf. Und „Lou“ hat regelmäßige kreisförmige Laserausbrennungen, deren Lochmuster in Assoziation zu perforierten Blechelementen steht. Die Stoffe, aus denen die Zeltstruktur von „Das Haus“ geformt ist, suchen gezielt die Nähe zu Baumaterialien, doch sind sie weich und wandelbar. Ihr hoher Polyesteranteil macht sie schwer entflammbar und objektgeeignet – auch für die temporäre Rauminstallation auf der Messe. Strukturen und Designs der neuen Stoffe sind mit Mustern aus der Permanentkollektion kombiniert, die wie Baumwolle oder Leinen wirken, obwohl sie aus dem künstlichen Polyestergarn Trevira CS gefertigt wurden. Es ist übrigens dieselbe Grundfaser, die schon in Frei Ottos Zeltlandschaften zum Einsatz kam.

Text: Sandra Hofmeister

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