Blu Box für die Magie des Hörens
 
Konzerthaus des Dänischen Rundfunks in Kopenhagen von Ateliers Jean Nouvel

Die Sehnsucht nach dem Unendlichen, die Metaphysik und das Streben nach etwas, das sich stets verbirgt: All das ist in der blauen Blume der Romantik symbolisiert. Doch in die Jetztzeit übertragen wäre die „lichtblaue Blume“ von Novalis sicherlich eine abstrakte Form. Und im neuen Konzerthaus in Kopenhagen hätte Heinrich von Ofterdingen das Ziel seiner Träume und Sehnsüchte wahrscheinlich gefunden: Nachts leuchtet der Kubus wie ein strahlend blaues Signet, das sein Innenleben in Schatten und Konturen andeutet. Als ob der Musikwürfel die Romantik zitieren wollte, spiegelt sich in seinem geheimnisvollen Blau die Sehnsucht nach dem Unendlichen wieder. Jedenfalls strebt der magische Neubau nach Höherem und verpflichtet die Metaphysik für sein Erscheinungsbild. Warum Jean Nouvel das Konzerthaus in soviel kobaltblaue Mystik tauchte, begründet er mit dem mangelnden räumlichen Kontext im Entwicklungsgebiet Ørestad in der Peripherie von Kopenhagen: „Der unsicheren Zukunft kann man nur mit der positiven Kraft der Unsicherheit begegnen, mit dem Mysterium, das nie weit entfernt ist von der Versuchung und der Attraktion.“ Zwar bleibt die etwas vage Erklärung des französischen Architekten und Pritzkerpreisträgers selbst etwas mysteriös. Die Attraktion jedoch, dies steht ein Jahr nach der Eröffnung des Konzerthauses für den Dänischen Rundfunk fest, ist den Architekten in städtebaulicher Hinsicht sicherlich gelungen, trotz der Planungs- und Rechnungsfehler, die die Entwurfs- und Bauzeit verlängert und die Kosten auf insgesamt 240 Millionen Euro in die Höhe getrieben haben. Die große blaue Form im Niemandsland, gleich neben der Hochbahntrasse der Metro, gibt den Plattenbauten seiner Umgebung auf der Insel Amager ein Gesicht, sie zeigt einerseits Präsenz und verschleiert andererseits ihr Inneres zum nächtlichen Mysterium. „Architektur ist wie Musik. Sie ist dazu da, uns zu bewegen und zu erfreuen“, meint Jean Nouvel. Auch eine Idee, die recht romantisch klingt.

Sehnsuchtsort für blaue Träume
Nun hat Kopenhagen also einen neuen Sehnsuchtsort für blaue Träume und ein Konzerthaus, das der Dänische Rundfunk mit seinem symphonischen Orchester und mit Kammermusik, mit Pop- oder Rockevents und Jazz-Darbietungen bespielt. Hinter der halbtransparent gewobenen Glasfiber-Außenhaut verbergen sich ein großer und drei kleinere Säle, deren Architektur allen Musikrichtungen gerecht wird. Von Außen wird das zusammen gewürfelte Konglomerat aus Baukörpern kaum sichtbar. Denn auf die Plane des Würfels, die dem Ganzen übergestülpt ist, werden zusätzlich Lichter und Bewegungsfragmente aus mehreren Projektoren geworfen. Beleuchtete Rolltreppen und Reflexionen an den Wänden und Decken fügen das Innenleben im Foyer und in den Wandelgängen zu einem belebten Durcheinander mit allerhand Showeffekten. Mit romantischen Vorstellungen hat das glamouröse Blitzgewitter, das sich im Inneren der Bluebox präsentiert, nichts mehr zu tun. Die Akustik jedoch – in diesem Punkt sind sich die Experten einig – ist einmalig und gibt durchaus ein Sehnsuchtsziel ab.

Auf den Terrassen des Weinbergs
Insgesamt 1800 Sitzplätze mit Samtpolstern in unterschiedlichen Rot- und Orangetönen reihen sich um das zentrale Orchesterpodest im großen Saal. In einzelne Blöcke und asymmetrische Terrassen aufgeteilt, wirkt der Raum durch seine Holzwände und Decken, die mal in weichen Wellen geschwungen sind und sich dann wieder kantig ein einzelnen Schichten übereinanderlegen, wie eine warme Höhle. „Weinberg-Prinzip“ nennen die Akustik-Planer dieses Prinzip der Gliederung der Sitze in einzelne Blöcke und verweisen auf Hans Scharouns Berliner Philharmonie als Urtypus. Im Gegensatz zum akustisch brillanten Schuhschachtelprinzip, etwa im Wiener Musikverein oder im Amsterdam Concertgebouw, lassen sich nach der Weinberg-Anordnung mehr Zuschauer unterbringen. „Der Trend geht dazu, immer größere und größere Konzerthallen zu bauen“, erklärt Yasuhisa Toyota von Nagata Acoustics. Die Fachingenieure des japanischen Akustikbüros zählen weltweit zu den Experten ihres Metiers und sind derzeit unter anderem an den Planungen der Elbphilharmonie in Hamburg und der Philharmonie de Paris beteiligt. In Kopenhagen brachten sie ihr Wissen schon beim ersten Entwurf der Architekten ein und gewannen den internationalen Wettbewerb im Team mit Jean Nouvel. Die Zahl der Plätze nehme zu, die Sitze würden komfortabler und die Gänge zwischen den Sitzreihen geräumiger, meint Yasuhisa Toyota. In terrassenartigen Konzertsälen – und auch der in der Konzerthalle in Kopenhagen zählt zu diesen Weinberg-Hallen – – sei die Bühne zentral platziert, so dass jeder Zuhörer nahe am Orchester sitzt. „Die Interaktion zwischen den Zuhörern und den Musikern wird auf diese Weise viel intensiver“, sagt Yasuhisa Toyota. Akustisch jedoch sei die komplexe Raumkonfiguration weniger leicht berechenbar: Alle Wände, die die einzelnen Zuschauerblöcke umzirkeln, beeinträchtigen den Klang und die Nachhallzeit.

Nadelholz und Baldachin
Wer in das Dossier von Nagata Acoustics für Kopenhagen einsteigt, dem eröffnet sich eine Welt aus Materialproben und Reflektorabständen, Nachhallzeit und Testes an einem 1:10 Modell des großen Saals. Für ihre Messungen füllten die Akustiker das Modell der Konzerthalle mit Stickstoff und verschlossen es luftdicht, um hohe Störfrequenzen auszufiltern. Die Ergebnisse der Studie, die vor allem dem Klangvolumen galt, sind in den Entwurf der Architekten eingeflossen und haben zur Feinjustierung von Winkeln und Wellen, Kanten der Oberflächen und Volumina der Sitzblöcke beigetragen. In Gemeinschaftsarbeit entstand auf diese Weise ein architektonisch beeindruckender und akustisch überwältigender Raum, dessen Details minutiös auf die Qualität des Klangs ausgerichtet sind. Die Oberflächen bestehen aus mehreren Schichten Sperrholz und Putz, sind je nach genauer Position und den entsprechenden akustischen Anforderungen mehrfach lackiert und mindestens 100 Kilogramm pro Quadratmeter schwer. Über dem Orchesterpodium, das Oregon pine – einem besonders festen Nadelholz – gezimmert ist, schwebt in luftiger Höhe ein 72 Tonnen schwerer Baldachin, der den Klang der Instrumente reflektiert und darüber hinaus technisches Equipment enthält. Digital gesteuert lässt sich der Reflektor absenken. Seine Module sind einzeln beweglich, so dass die Nachhallzeit gezielt geändert werden kann, je nach dargebotener Musik. Grundsätzlich aber bleibt der große Saal des Konzerthauses der orchestralen Musik vorbehalten. In den kleineren Sälen haben Nagata Acoustics Szenarien für unterschiedliche Musikrichtungen entwickelt, die sich architektonisch in unterschiedlichen Farben und Materialien präsentieren – von Aluminiumpaneelen bis zu glanzlackierten Mitteldichten Faserplatten als Wandverkleidung. Kopenhagens Bluebox bietet also Vieles. Von exzellenten Akustikplanern mitkonzipiert, entpuppt sich das blaue Wunder als eine vielschichtige Klangwelt. Bei entsprechender Musik färbt sich die Magie des Hörens auch zu einer romantischen Welt, die von musikalischer Sehnsucht und Unendlichkeit getragen ist.

Text: Sandra Hofmeister

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