Common Ground in Venedig
Arménio Teixeira, Courtesy Souto De Moura Architectos

David Chipperfield, Kurator der Biennale Venedig, konzentriert sich nicht auf Stards oder ikonische Bausen. Sein Konzept will zeigen, dass Baukunst eine kollektive Aufgabe aller Gesellschaften ist.

An Werktagen tummeln sich rund um die Hongkong and Shanghai Bank emsige Geschäftsleute, die in die Büroetagen des glitzernden Hochhauses strömen. Sonntags jedoch ergibt sich ein anderes Bild: Dann verwandelt sich der Bankenturm aus Glas und Stahl zum Treffpunkt philippinischer Gastarbeiterinnen. Zu Hunderten versammeln sie sich im schattigen Durchgang unter dem Finanzgebäude. Sie spielen Karten, breiten ihre Picknickdecken aus und feiern Feste – als ob der Ort genau zu diesem Zweck geschaffen worden wäre.

Norman Fosters Beitrag zur Architektur-Biennale dokumentiert diese unerwartete Nutzung des Gebäudes, das Foster Associates in den 1980er-Jahren in Hongkong errichteten, und bezieht sich so wortwörtlich auf das Thema der diesjährigen internationalen Ausstellung in Venedig. „Common Ground“ bezeichnet den gemeinsamen Grund und Boden einer Architektur, die von unterschiedlichen Menschen genutzt und vereinnahmt wird. Ebendiesen Bezug zum Leben, die Gemeinsamkeiten und die gesellschaftliche Bedeutung von Architektur macht David Chipperfield als Direktor und Kurator der Biennale zum Leitthema der Hauptausstellung. „Viele Menschen begreifen Architektur derzeit als etwas, das ihnen zustößt“, kritisiert der britische Architekt in gewohnter Zurückhaltung. In seinen Augen gibt es deutlichen Nachholbedarf, die Baukunst endlich wieder zu einer gemeinsamen Sache zu machen, die nicht nur Architekten, sondern die Gesellschaft insgesamt betrifft und als kollektive Aufgabe verstanden wird. „Don’t promote yourself, but open yourself!“, riet Chipperfield den 65 Teilnehmern, die er nach Venedig einlud, um im Arsenale, im Hauptpavillon in den Giardini und über die Stadt verteilt auszustellen. Viele verschiedene Positionen und Generationen kommen zusammen – und viele Interpretationen dessen, was den „Common Ground“ der Architektur ausmacht.

Der portugiesische Architekt Álvaro Siza Vieira – sein Lebenswerk wird in Venedig mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet – konzentriert sich zusammen mit seinem Kollegen Eduardo Souto de Moura auf das Meer. „Window“ nennt sich die schlichte Installation, welche die beiden Pritzker-Preisträger am malerischen Rand des Hafeneingangs zum Arsenale platziert haben. Im Inneren der temporären Mauern rahmen große Öffnungen den Blick auf die Lagune und zeigen das Wasser als Element jenes „Common Ground“, der die Kulturgeschichte Venedigs prägt. Auch der Landschaftsarchitekt Günther Vogt bezieht sich gemeinsam mit seinen Züricher Studenten auf die Lagunenstadt selbst. Für ihren Beitrag untersuchten sie die Ressourcen des öffentlichen Alltags und fanden sie schließlich im kleinsten Gebäude Venedigs, dem Kiosk. Als Allegorie für den „Common Ground“ bespielen Vogt und seine Studenten einen Kiosk in der Via Giuseppe Garibaldi. Sie machen den winzigen Raum zu einer Plattform für die Diversität und Identität eines Alltags, der angesichts der Touristenströme auch an zu viel Öffentlichkeit leiden kann.

Wer auf der Biennale große Kunst erwartet, der wird in den Hallen des Arsenale belohnt. Dort stellt Thomas Struth eine Sequenz von Fotografien mit Straßenszenen aus unterschiedlichen Städten aus, die viel über die Gesellschaft verraten, in der sie aufgenommen wurden. Struths Fotoserie führt vom New York der 1970er-Jahre bis nach Pjöngjang in das neue Jahrtausend. Noch weiter öffnet das Rotterdamer Büro MVRDV, A&W-Architekt des Jahres 2012, die Zeitschiene. Zusammen mit dem Thinktank „Why Factory“ stellen sich die Architekten im Hauptpavillon der Frage, wie die selbst organisierte Stadt der Zukunft aussehen könnte – und nennen ihre Utopie abseits des Planungsreglements provokant „Freeland“. Es mag reiner Zufall sein oder an Chipperfields kuratorischer Weitsicht liegen, dass viele Länderpavillons das zentrale Thema um spezifisch nationale Perspektiven ergänzen. Im japanischen Pavillon stellt Toyo Ito die Pläne eines jungen Architektenteams aus, das in den zerstörten Erdbeben- und Tsunami-Gebieten mit einem „Home-for-All“ temporäre Anlaufpunkte für Menschen und Hilfsorganisationen schaffen will. Im Deutschen Pavillon wiederum wird Architektur als eine Ressource aufgefasst, die im Sinne der Begriffe „Reduse,
Reuse, Recycle“ einen besonderen Wert darstellt. „Wir wollen alltägliche Architektur zeigen, die man an jeder Ecke finden kann“, so der Generalkommissar und Münchner Architekt Muck Petzet. Statt glamouröser Neubauten präsentiert die Ausstellung, deren Design von Konstantin Grcic, A&W Designer des Jahres 2007, stammt, Umbauten und Strategien, die das Potenzial und die Qualität von Bestandsgebäuden intelligent nutzen. Nicht in solitären Gebäuden oder den Leistungen einiger Architekturstars, so der Tenor, bestehen die Herausforderungen der Zukunft. Viel wichtiger ist ein Umdenken, das den gesellschaftlichen Stellenwert von Architektur betrifft.

Text: Sandra Hofmeister
Foto: Windows, 2012 (Álvaro Siza and Souto De Moura Architectos)
Credit: Arménio Teixeira, Courtesy Souto De Moura Architectos

 

 

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