Wie ein hauch von Nichts

Transparente Möbel zelebrieren die Idee vom Verschwinden der Dinge. Sie bevölkern den Wohnkosmos als Gespenster, erobern immer mehr Funktionen und zeigen sich aktuell sogar als hybride Cyborgs.

Drei vertikale Scheiben, dazwischen eine Sitzfläche: Die Form der Invisibles-Stühle des japanischen Designers Tokujin Yoshioka ist archaisch einfach. Trotzdem sind die kürzlich vorgestellten Möbel nicht so simpel, wie ihre Gestalt vermuten lässt. Denn die Invisibles sind unsichtbar. Aus transparentem Kunststoff gefertigt, verstecken sie sich in ihrer Umgebung und zelebrieren ihr eigenes Verschwinden. Dabei entmaterialisieren sie nicht nur ihren eigenen Corpus, sondern ein Stück weit auch ihre Funktion. Marcel Breuers Traum vom Sitzen auf einer Luftsäule könnte Pate für Yoshiokas Entwurf gestanden haben: Wer auf dem Invisible-Stuhl Platz nimmt, schwebt auf einem Hauch von Nichts.

Durchsichtige Sitzhöhlen
Die Idee vom unsichtbaren Möbel hat Tradition in der Designgeschichte. Doch mit Glas als Werkstoff stoßen die konstruktiven Ansprüche von Möbeln schnell an ihre Grenzen. So geht Konstantin Grcics kleiner Beistelltisch „Blow“ mit einer Höhe von 52 cm bis an das Maximalmaß dessen, was die geübten Glasbläser der venezianischen Traditionsfirma Venini leisten können. Für Stühle, Regale und andere Möbel scheidet Glas als Werkstoff aus. Erst mit der Entwicklung von Kunststoffen wird die Transparenz von Möbeln möglich, und sie beginnt zunächst mit einem funktionalen Accessoire: Dieter Rams und Hans Gugelots berühmter „Schneewittchensarg“ Phonosuper SK4 von 1956 bot mit seiner durchsichtigen Plexiglashaube Durchblick auf das Bedienfeld. Das nüchtern-schöne Gerät revolutionierte den wuchtigen, hölzernen Musikschrank und markierte den Anfang moderner Stereoanlagen.
Bereits 1928 hatte der Chemiker Otto Röhm Acrylglas, das unter dem Markennamen Plexiglas bekannt wurde, patentieren lassen. Der synthetische, thermoplastische Kunststoff wurde in der Autoindustrie genutzt und für die ersten Kontaktlinsen eingesetzt, bevor er in den 50er Jahren in den Wohnbereich Einzug hielt. In den 60er und 70er-Jahren öffnete sich dem Design zusätzlich durch die rasante Entwicklung von Polyurethanen und Polymeren eine schillernde neue Welt. Fast jede Form war machbar, das Material leicht, farbig oder transparent. Eero Aarnios „Bubble Chair“ von 1968 zeigt die neu gewonnene Leichtigkeit des Wohnens in Form einer durchsichtigen Höhle, die locker von der Decke baumelt. Kunststoffe wie Acryl galten als zukunftsorientiert und eroberten das bürgerliche Wohnen.

Material und Spektakel
Roland Barth bescheinigte der alchimistischen Substanz ein hohes Maß an Imitation und Theatralik. „Plastik geht in seinem Gebrauch auf“, konstatiert der Strukturalist in den „Mythen des Alltags“ und ordnet Kunststoffe in die Welt des Scheins und des Spektakels ein. „Die ganze Welt kann plastifiziert werden“, bilanziert Barth schließlich. Doch mit dem Aufkommen der Ölkrise Anfang der 1970er-Jahre wurde dieser Tendenz erst einmal Einhalt geboten. Gleichwohl erleben Kunststoffe seit einiger Zeit ein furioses Comeback, das auch im Wohnbereich auf neuartige Technologien, chemische Zusammensetzungen und Herstellungsverfahren zurückgeht.
Eines dieser neueren Produktionsverfahren steht maßgeblich für die Transparenz von Möbeln: 1999 stellte das italienische Unternehmen Kartell den ersten Stuhl aus Polycarbonat vor. Das transparente Polymer kann im Spritzgussverfahren verarbeitet werden – zu seriengefertigten Monoblocks. Der ersten Polycarbonat-Stuhl „La Marie“ von Philippe Stark galt in den Augen des Designers noch als Triumph des „Less is more“. Durchsichtig wie Glas, unzerbrechlich, nicht toxisch und stoßfest, weicht die simple Gestalt von „La Marie“ dem Triumph des neu entdeckten Materials. Zwei Jahre später schon präsentierte Starck mit „Louis Ghost“ einen zweiten durchsichtigen Monoblock, der die einfache Form zugunsten eines gezielten Stilbruchs ersetzt. „Louis Ghost“ erinnert an den Medaillon-Stuhl der Louis XV-Zeit und spielt seine historische Referenz als Antithese zu seinem Material aus. Der Bestseller wurde über eine Millionen Mal verkauft und führte die Transparenz in den Wohnbereich ein. „Er ist dabei zu verschwinden, sich zu entmaterialisieren. Wie die gesamte Produktion unserer Zivilisation“ kommentierte Philippe Stark und dichte sich seinen Stuhl als Metapher für ein Gesellschaftsphänomen zurecht.

Muster und hybrider Materialmix
Seit gut zwei Jahrzehnten werden Stühle, Regale und Tische in Polycarbonat gefertigt, wobei sich die Farbigkeit des durchsichtigen Materials als Verkaufsschlager herausstellte. Transparente Möbel in lila, gelb oder blau sind beliebte Blickfänger, die Interieurs farblich aufmischen und Mut zur Extravaganz beweisen. Durch neue Technologien können die Oberflächen von Polycarbonat nun auch durch filigrane Reliefs strukturiert und gemustert werden. Die Rillen in den „Papyrus“-Sitzschalen der Bouroullec-Brüder nutzen diesen Vorteil, um auf traditionelle Korbstühle zu verweisen. Designer setzen heute auf völlig unterschiedliche Ansätze im Umgang mit Polycarbonat. Yoshiokas „Invisibles“ stehen für minimalistischen Purismus. Jean Marie Massaud und Marc Sadler hingegen experimentieren in ihren Entwürfen „Aka“ und „Madeira“ für Skitsch mit einem Materialmix, der transparenten Kunststoff – auch in fluoreszierenden Farben – mit hölzernen Stuhlbeinen kombiniert. Marcel Wanders wiederum gibt seinem neuen Projekt für Magis einen viel versprechenden Namen: „Cyborg“ heißt das Stuhl-Zwitterwesen, welches der holländische Gestalter als Synthese zwischen organischen und synthetischen Teilen verstehen möchte. Durch die Verquickung blickdichter als auch transparenter Kunststoffe und Korbgeflecht entsteht ein hybrides Sitzmöbel mit Armlehnen. Zumindest seinem Namen mag dieser „Cyborg“ im Sinne Barthes die Spur einer unendlichen Umwandlung, nämlich der von lebendigem Material und künstlicher Materie in sich tragen. Ein alchimistisches „Spectaculum“ ist Wanders Cyborg trotzdem nicht. Er zählt zum routinierten Alltag, der auch in Sachen Transparenz auf neue Varianten zählen kann.

Text: Sandra Hofmeister

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