Sind Architekten besser als Designer?

Konstruktives Büchertragwerk und Plastiksandalen wie gewagte Schalenkonstruktionen

Silber glänzend schlingen sich die Kunststoffschleifen um den Knöchel, wickeln sich in Richtung Knie, umschließen die Zehen und lassen die Ferse auf einem waghalsigen Keilabsatz federn. Fast möchte man meinen, das elegante Schuhwerk wäre eine Schalenkonstruktion mit extravagantem Betonüberhang, so sehr erinnern Zaha Hadids Plastiksandalen für das brasilianische Label Melissa an die Architektur der Pritzkerpreisträgerin – an rasante Gebäudekurven mit Schwindel erregender Dynamik. Doch die Sache liegt diesmal anders. Das Gehwerk trumpft nicht durch seine gewiefte Konstruktion auf. Dafür ist es aber wasserdicht, recycling-tauglich und natürlich starverdächtig – ein Modeaccessoire, das in Rio de Janeiro, Shanghai oder Abu Dhabi von sich reden macht. Schon seit mehreren Jahren konzipieren Zaha Hadid Architects nicht nur Feuerwehrhäuschen und Fabriken, Opern und Olympiastadien. Die Londoner Architekten entwerfen außerdem Blumenvasen, Besteck, Sofas oder eben Schuhe. Viele aber nicht alle dieser Markengegenstände sind im Alltag praktikabel, doch sammlertauglich ist das Design von Zaha Hadid allemal. Der Aqua Table beispielsweise, eine meterlange gekrümmte Raumskulptur, deren Tischfläche sich in blasenartigen Dellen wölbt, wurde in kleiner Stückzahl von Established & Sons aufgelegt. Das erste Exemplar des Tisches wurde vor sechs Jahren bei einer New Yorker Auktion für sagenhafte 296.000 US Dollar versteigert.

Vom Raum zum Sessel
Die Geschichte von Baumeistern, die als Designer mehr oder weniger industriell gefertigte Alltagsgegenstände entwerfen, hat eine lange Tradition und beginnt zunächst beim Naheliegenden. Oft konzipieren Architekten für Gebäude und Räume gleich noch die passenden Möbel dazu – in Proportion, Nutzung und Material auf den architektonischen Rahmen abgestimmt. Für sein Büro in Weimar hatte Walter Gropius schon 1923 einen Sessel mit Samtbezug entworfen. In Zusammenarbeit mit den Junkers-Flugzeugwerken in Dessau entwickelte Marcel Breuer eine ganze Serie an Stahlrohrmöbeln, die im Wohnzimmer der Meisterhäuser von Feininger oder Kandinski zum Einsatz kamen. Mies van der Rohe schließlich lieferte 1929 für die Weltausstellung in Barcelona nicht nur die sagenhaft leichte Architektur des Deutschen Pavillons, sondern auch den geeigneten Stuhl für die ungewöhnlich fließenden Räume. Sein Barcelona-Chair hat sich längst von diesem historischen Entwurfskontext gelöst und ist heute eine Ikone der Moderne, die sich in Wartebereichen und Büros ebenso gut macht wie zu Hause im Wohnzimmer. Was zunächst als Lösung für konkrete Räume gedacht war, hat sich als allgemein gültiges Serienprodukt erwiesen, kann sich in immer neuen Situationen und Nutzungen behaupten. Trotzdem bleibt der Schritt von der Einzelanfertigung zur Serienproduktion, zu der auch Vertrieb und Marketing gehören, ein Wagnis: „Man kann nicht voraussehen, wie sich ein Produkt auf dem Markt etabliert“, meint Oliver Holy von Classicon mit Blick auf die jüngste Möbelfamilie in seiner Kollektion. „Munich“ sind elegante Polsterstühle auf Holzbeinen, die Sauerbruch Hutton zunächst für die Sammlung Brandhorst entwarfen und nun von Classicon verkauft werden. „Die Entwicklung von Möbeln bleibt auch für Kenner der Branche immer ein unternehmerisches Risiko“, so der Geschäftsführer der Münchner Firma.

Proportionen, Material und Entwurfsgedanken
Ein Stuhl sei ein schwieriges Objekt, meinte Mies van der Rohe 1956 im Time Magazine. Nachdruck bekommt sein Urteil durch den Nachsatz, dass ein Wolkenkratzer im Vergleich fast noch einfacher zu entwerfen sei. Was aber veranlasst Architekten, die Grenzen ihrer Disziplinen zu testen und sich auch als Produktdesigner zu versuchen? Für Matthias Sauerbruch und Louis Hutton war klar, dass die ästhetische Anmutung der musealen Räume auch durch bestimmte Möbel gewinnt: „Wir haben die Räume des Museums in Modellen mit großen Maßstäben erarbeitet, um die Präsentation der Kunstwerke in spezifischen Settings zu prüfen. Schon im Entwurfsstadium wurde uns dabei bewusst, dass wir das Gesamtkonzept durch das sorgfältige Design eigener Möbelstücke deutlich stärken können.“ Tische, Bänke und Stuhlgestelle der Munich-Familie sind wie die Böden im Museum aus Eiche, und im Café im Eingangsbereich setzen die geschwungenen Sitzschalen eigene Akzente. Ob und wie sich diese Formen auch in anderem Kontext behaupten, wird demnächst schon im Prime Tower in Zürich unter Beweis gestellt.

Fragen des Maßstabs und der Organisation
Die Liste der Architekten, die sich als Gestalter auch an Alltagsdesign versuchen, hat viele große Namen: Peter Zumthors Pfeffermühle für Alessi zelebriert die Einfachheit der Formen, Kengo Kumas Polstersessel Sen für Walter Knoll schwebt auf einem minimalistischen geometrischen Rahmen, und die LED-Tischleuchte, die David Chipperfield Architects für Wästberg entworfen haben, versprüht eine nüchterne, chipperfield’sche Eleganz. Doch der Kraftakt, Design und Architektur zu einem umfassenden Gestaltungsanspruch zu verbinden und in die langwierige Produktentwicklung einzusteigen, ist für viele Architekten kaum zu bewältigen. „Einige Büros betreiben Design wie Forschung, doch die meisten Architekten können schon aus wirtschaftlichen Gründen nicht so arbeiten. Schließlich ist ihre erste Aufgabe immer noch das Entwerfen von Bauwerken“, sagt Markus Benz, der als Geschäftsführer von Walter Knoll auch längerfristig auf die Kooperation mit Architekten setzt. Mit Entwicklungszeiten von bis zu drei Jahren für einen Stuhl müssen Architekten tief in die Details des Möbeldesigns eintauchen. Bei Zaha Hadid Architects gibt es für diese Aufgabe auch kein eigenes Design-Team, vielmehr wird die Produktentwicklung als Leistung von allen Architekten abgerufen. Etwa 15 wechselnde Mitarbeiter arbeiten stets an Design-Entwürfen und tauchen nach Abschluss des jeweiligen Auftrags wieder in das komplexe Aufgabenfeld der Architektur von Flughäfen oder anderen Großbauten ein. Wie fließend die Grenzen zwischen den Disziplinen sein können, weiß auch der Architekt und Designer Piero Lissoni: „Obwohl ich Architektur studiert habe, sehe ich mich heute sowohl als Architekt als auch als Designer – im Arbeitsalltag unterscheide ich nicht zwischen den Berufen“, meint der Mailänder. Bei Lissoni Associati sind 40 Architekten, 10 Designer und rund 20 Graphikdesigner beschäftigt, um umfassende Gestaltungsaufgaben zu meistern. Was aber verbindet das Design mit Architektur, welche Kompetenzen befähigen für beide Bereiche?

Die Komponenten im Design seien wie Miniaturarchitektur, heißt es bei Foster + Partners in London. „Sie müssen funktional und gleichzeitig angenehm in ihrer Nutzung sein – gute ergonomische, ästhetische und taktile Qualitäten besitzen.“ Das klingt plausibel, bleibt aber eine Absichtserklärung, die sich in der Realität erst einmal beweisen muss. Letztlich liegt die Herausforderung für Architekten, egal ob sie Waschbecken oder Hochhäuser, Türklinken oder Wohnhäuser entwerfen, darin, für stimmige Konzepte auch überzeugende Umsetzungen zu finden. Deshalb haben die Entwicklungsabteilungen von Unternehmen einen entscheidende Rolle im Design: Erst durch ihr Know How zu Verarbeitungstechniken, Materialeigenarten und Herstellungstechnologien können in Kooperation mit Architekten und Designern neue Produkte, Kombinationen oder gar Produkttypologien entstehen.

Text: Sandra Hofmeister

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