Jenseits der Konventionen

Der Möbelproduzenten Nils Holger Moormann

Es gibt wohl kaum jemanden in der deutschen Designlandschaft, der mit so viel Humor und unverwechselbarem Esprit ans Werk geht wie Nils Holger Moormann. Die Möbelfirma des Design-Autodidakten liegt in Aschau am Chiemsee, mitten in den bayerischen Alpen.
In der Eingangshalle des traditionellen Holzbalkonhauses zeigt ein Schild nach oben „zur Kommandobrücke“, und auf den abblätternden Putz im Treppenhaus sind verschiedene Sprüche geschrieben, die Besucher mit der unkonventionellen Philosophie des Unternehmens konfrontieren. „Beam me up Scotty, there is no more human intelligence on earth“ ist da zu lesen, außerdem Sentenzen von Franco Clivio und Mies van der Rohe. Sogar ein Moormann-Zitat mischt sich unter die Aphorismen: „Wer nie Nein sagen kann, wird auf Dauer Ja sagen müssen“ – eine Lebensweisheit, hinter der sich ein unkonventionelles Bekenntnis zum Design verbirgt. Für Nils Holger Moormann sind Fragen der Gestaltung Teil einer Lebenshaltung, die auch in Möbeln zum Ausdruck kommt.

Erfrischend einfache Ideen
Seit 1992 liegt die Zentrale der Möbelfirma Moormann am Fuß der Burg Hohenaschau, die auf einem schroffen Felsen des Alpentals thront. Der Inhaber und Gründer, Nils Holger Moormann, ist gebürtiger Stuttgarter. Er hat sein Jurastudium in den 1980er-Jahren aufgegeben, um seiner heimlichen Leidenschaft, dem Design von Möbeln, nachzugehen und sie konsequent auszubauen. Die aktuelle Moormann-Kollektion umfasst derzeit etwa 50 Möbelstücke, die er gemeinsam mit verschiedenen Designern und mit dem heute zwanzigköpfigen Mitarbeiterteam entwickelt, darunter Tische und Regale, Sitzmöbel und Garderoben. Die meisten von ihnen sind aus Holz, sie werden von Tischlereien rund um Aschau gefertigt und von dort nach Europa, in die USA oder nach Japan und Neuseeland verschickt.
Nicht selten stehen die Alltagsmöbel aus Mitteldichter Holzfaserplatte (MDF) oder Schichtholz für erfrischend einfache Ideen, für Haltbarkeit und Praktikabilität. Das berühmte FNP-Regal etwa – nach dem Entwurf von Axel Kufus – lässt sich beliebig umbauen oder erweitern. Es passt sich den Lebensumständen an und reagiert flexibel auf die wechselnden Bedürfnisse der Nutzer. 20 Jahre nach der Markteinführung des modularen Systems ist es heute immer noch das am meisten verkaufte Stück aus der Moormann’schen Kollektion. Mit seiner reduzierten Struktur aus Wangen und Böden im Verbund mit eingesteckten Aluminium-Schienen hat das FNP den Weltmarkt erobert.

Etwa 45 Kilometer Regal wurden bis heute verkauft. In Form und Größe variabel, hat Nils Holger Moormann das mehrfach ausgezeichnete Möbel für Bücher im Lauf der Jahre durch mehrere Anbaumodule, zum Beispiel Leuchten, eine Bibliotheksleiter, Buchstütze oder Schiebetüren zu einer regelrechten Familie erweitert. „Alles, was mit Büchern zu tun hat, interessiert mich. Ich bin ein extremer Buchliebhaber. Jedes Buch hat andere Maße und einen anderen emotionalen Stellenwert. Das ist spannend“, meint Nils Holger Moormann. Viele Möbel seines Labels tragen diesem Spleen Rechnung. Zum Beispiel der Bookinist, den Moormann gemeinsam mit seinem Aschauer Team entwickelte: eine Art Holzsessel mit Schubkarrenreifen und eingepassten Bücherfächern. „Ich selbst bin ein großer Fan davon, erstmal alles zuzulassen. Schließlich mache ich diesen Job seit 27 Jahren und ich liege mit meinen Prognosen, welches Möbel verkauft wird, regelmäßig falsch“, beschreibt Moormann die Entwurfs- und Entwicklungsphilosophie seiner Firma. War der Bookinist zunächst als Spielerei gedacht, so zeigte sich schon bald, dass der ungewöhnliche Regalsessel auf eine hohe Nachfrage bauen konnte.

Unbedingtes Gespür für die Nutzer
Scheitern ist in Moormanns Augen kein K.-o.-Kriterium, sondern ein notwendiger Schritt im Designprozess. Einige der Moorman‘schen Kreationen legen ein Augenzwinkern an den Tag, das sie zu ironischen Statements macht. Das freistehende Regal Es (1998) von Konstantin Grcic etwa wirkt, als ob es jeden Augenblick umkippen würde, so schief schieben sich seine Füße zwischen die horizontalen Regalböden. Doch auch wenn Es recht wackelig aussieht und seinem Bewegungsdrang offenkundig nachgibt, funktioniert es dennoch als stabiler und belastbarer, obendrein rundherum zugänglicher Regalturm. Das unbedingte Gespür für die Nutzer macht viele von Nils Holger Moormanns Möbeln zu besonderen Designstücken. Zu dieser Liste zählt auch der Schreibtisch Kant (2002) von Patrick Frey und Markus Boge – eine Arbeitsplatte, deren Rand geknickt ist und auf diese Weise unerwarteten Stauraum für Bücher, Ordner und andere Dinge schafft, die auf der Schreibfläche stören. „Man muss sich immer fragen, welches Innovationspotenzial in einem Entwurf steckt“, erklärt Moormann sein Verständnis von neuen Projekten. Regelmäßig präsentiert sich die Firma auf dem Salone Internazionale del Mobile in Mailand, auf der Möbelmesse imm in Köln und beim Designers‘ Saturday im Schweizer Langenthal.

Unkonventionelles Gästehaus
Große Eile mit Neuheiten hat Nils Holger Moormann trotzdem nicht, eher komme es ihm darauf an, etwas wirklich Gutes zu entwickeln. Eines der jüngsten Abenteuer, in das sich Moormann und sein Team in den letzten Jahren gestürzt haben, ist das Gästehaus berge in Aschau: Mit langem Atem wurde ein zweites altes Haus unweit des Firmensitzes am Fuß der Burg zu einem unkonventionellen Gästehaus umgebaut und eingerichtet. Zu den dreizehn Apartments der Herberge gehört eine Gemeinschaftsbibliothek und ein Seminarraum, in den eine große Küche integriert ist. „Manchmal gefallen uns Dinge so sehr, dass wir sie einfach machen“, sagt Nils Holger Moormann. Erstaunlich, wie viel sich mit sicherem Gespür und festem Willen bewegen lässt.

Text: Sandra Hofmeister

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