Spielräume für die Identität
 

Julian Nida-Rümelin über die kulturelle Bedeutung der Ortschaftsmitte, ihre gesellschaftliche Relevanz und die Rolle der Bürgerschaft für die Identität von Städten und Gemeinden

Der Marktplatz, der Stadtbrunnen, die Dorflinde: Die Geschichte kennt viele Plätze, die symbolisch für die Ortschaftsmitte stehen. Wie schätzen Sie die heutige gesellschaftliche Bedeutung des Ortszentrums ein?
Das ist von Dorf zu Dorf und Stadt zu Stadt recht unterschiedlich. In größeren Orten gibt es tatsächlich das Phänomen, dass Innenstädte kaum noch bewohnt und stattdessen fast vollständig von Kaufhäusern und Bürogebäuden in Beschlag genommen sind. Hintergrund dafür ist nicht einfach der Gegensatz zwischen Kommerz und öffentlichem Raum. Es ist eine Frage der Gewichte, der Balancen. Es gibt einen fließenden Übergang zwischen öffentlicher und privater Nutzung, man denke etwa an die südeuropäische Tradition der Cafes auf der Plätzen, die zum stundenlangen fast ohne Konsum Sitzen einladen, natürlich nur jenseits der touristischen Zentren. Es geht gegenwärtig um eine Zurückeroberung der Ortschaftsmitten, die sich derzeit auch hierzulande nicht nur in großen Metropolen sondern auch in ländlichen Gegenden feststellen lässt.

An welchen Tendenzen wird diese Zurückeroberung der Ortschaftsmitte sichtbar?
Es ist auffällig, dass Familien, die es sich leisten können, wieder zurück ins Zentrum ziehen, und zwar entgegen dem Trend der letzten Jahrzehnte. Interessant ist auch, dass Diskotheken und Bars, die sich gerne an Ortsrändern ansiedelten, wieder zurück in den Stadtkern kehren. Das ist eine insgesamt gute Entwicklung, weil die Ortsmitte generell wieder zu einem vitalen Zentrum wird, das nicht lediglich tagsüber während der Laden- und Bürozeiten belebt ist.

Trotzdem muss man sicherlich zwischen wenigen wachsenden Orten und dem Trend schrumpfender Orte und entvölkerter Stadt- bzw. Dorfmitten in strukturschwachen ländlichen Gebieten unterscheiden. Meinen Sie, dass sich dieser Trend durch den demographischen Wandel weiter festigen wird?
Die Bevölkerungszahl in Deutschland wird in Zukunft nicht steigen, sondern deutlich schrumpfen, wenn es bei unserer jetzigen Zuwanderungspraxis bleibt. Eines der ersten Projekte, die die von mir ins Leben gerufene Bundeskulturstiftung in Angrigg genommen hat waren die „Schrumpfstädte“. Dabei ging es auch darum aufzuzeigen, dass schrumpfende Gemeinden und entvölkerte Ortschaftskerne in Ostdeutschland nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance sind. Ich bin davon überzeugt, dass das Ende des Bevölkerungswachstums viele Möglichkeiten für die Ortschaftsmitte bietet: Leer stehende Räume, vielleicht sogar ganze Viertel, können umgenutzt werden. Bevor wir den Abriss und die Neuplanung von ungenutzten Gebäuden ins Auge fassen, sollten wir also unbedingt sondieren, was man mit den Resten der nicht mehr genutzten Baulichkeit anfangen kann. Nicht zuletzt sind diese Residua auch für die Identität einer Stadt wichtig, und zwar als lesbare Zeichen ihrer Geschichte. Um Bürgerschaft zu stiften, brauchen Städte ein alltägliches Bewusstsein ihrer Geschichte.

Sie plädieren also dafür, den gegenwärtigen Verlust der Mitte, von dem derzeit viele Städte und Dörfer, gerade in strukturschwachen ländlichen Gebieten in Deutschland betroffen sind, nicht negativ zu bewerten, sondern als eine Chance für zukünftige Entwicklungen?
Abgesehen von wenigen Ausnahmen ist es ein typisch europäisches Phänomen, dass Städte und Dörfer ein Zentrum aufweisen. Die Idee der Bürgerschaft und die Idee des Ortszentrums bedingen sich gegenseitig. Wichtig ist aber, dass wir die Stadtmitte unter stets neuen Bedingungen, zum Beispiel bei veränderter Bevölkerungszahl, neu gestalten und für die Gesellschaft neu definieren. Dafür gibt es kein allgemeines Rezept, sondern die jeweiligen Umstände und der Kontext sind entscheidend. Durch Planung allein ist das lebendige Zentrum nicht unbedingt kalkulierbar – man kann allerdings versuchen, zu verhindern, dass wertvoll Innenbereiche zunehmend vom Kommerz „besetzt“ werden.

Es gibt Ortsmitten in manchen Gegenden, die aus einer Tankstelle und einem Möbelhaus bestehen – das öffentliche Leben hingegen spielt sich auf dem Parkplatz des Discounters am Ortsrand ab. Meinen Sie, dass sich diese Entwicklung, die ich absichtlich etwas übertrieben dargestellt habe, noch stoppen lässt?
Diese offensichtliche Fehlentwicklung ist auch eine Konsequenz des stark reduzierten Haushalts mancher Kommunen. Der Blick in die Zukunft verrät, dass wir uns diese Entwicklung eigentlich nicht leisten können. Kommunen brauchen Gestaltungsspielräume für ihre Identität und ihre öffentlichen Plätze.

Ihr Begriff der Bürgerschaft setzt ein kollektives Selbstbewusstsein voraus, das Städte und ihre Identität prägt. Vielleicht ist dieses Bewusstsein in den letzten Jahren in einer zunehmenden Individualisierung einer Gesellschaft aufgegangen, die heute kaum noch einen gemeinsamen Nenner findet?
Die Bürgerschaft der Stadt hat derzeit mehrere Herausforderungen zu bestehen, damit sie weiter existieren kann. Eine davon ist die Individualisierung, eine andere ist das vielgestaltige Phänomen der Multikulturalität. Beide Strömungen dürfen nicht dazu führen, dass sich die Bürgerschaft am Ende als eine Addition von Einzelidentitäten versteht. Vielmehr muss die Identität von Städten durch eine selbstbewusste Bürgerschaft aktiv mitgestaltet werden. Die Politik kann Angebote schaffen, um diesen Prozess der Mitgestaltung anzustoßen und möglich zu machen. Ich glaube, dass die Menschen vielleicht auch als Folge der Weltwirtschaftskrise wieder mehr Wert auf eine vitale Gemeinde und auf öffentliche Angebote legen. Anders wäre das Phänomen nicht zu erklären, dass sich die Mehrzahl der Deutschen derzeit in Meinungsumfragen gegen Steuersenkungen ausspricht.

Neben der Globalisierung der letzten Jahre, die deutliche Spuren im Stadtraum hinterlassen hat, sind derzeit immer stärker auch Regionalisierungstendenzen zu beobachten. Wie schätzen sie diese im Hinblick auf die Zukunft der Städte ein?
Wir befinden uns in einem dialektischen Prozess. Die Globalisierung führt zu Uniformität und Vereinheitlichung. Dies betrifft beispielsweise die Güterangebote: Man kann von Shanghai bis Rosenheim dieselben Produkte kaufen. Gewissermaßen als Gegenbewegung dazu gibt es aber auch eine Art kulturelle Besinnung auf das Besondere und Regionale. Auch die Suche der Städte und Gemeinden nach ihrer eigenen Identität gehört mit zu dieser Tendenz. Die Debatte nach einer eigenen Identität wird durch die Vereinheitlichungstendenzen der Globalisierung geradezu gefördert. Schließlich ist es nicht nur der globale Markt, sondern auch die örtliche Aktivbürgerschaft und die örtlichen Traditionen, die Städte prägen. Ich finde es in diesem Zusammenhang bemerkenswert, dass die Schweiz im Vergleich der weltweiten Produktivitätsraten sehr gut aufgestellt ist und dennoch ein Land ist, das stark auf Tradition und auf regionale Identität setzt.

Der Bauhaus-Architekt Walter Gropius kritisierte vor bald 100 Jahren, dass wir bei der Stadtplanung wirtschaftliche und industrielle Forderungen vor die menschlichen Grundbedürfnisse stellen würden. Könnte es sein, dass wir uns in den letzten Jahrzehnten vielleicht von den wirtschaftlichen und industriellen Forderungen haben überrumpeln lassen?
Zumindest blicken wir auf rund 20 Jahre einer dominanten Ideologie zurück, die meinte, dass alles über den Markt zu regeln wäre und Städte sowie Kommunen in erster Linie zu Spielern um Standortvorteile degradierte. Das Eigene, das Besondere und das Ungewöhnliche ging im Rahmen dieser Entwicklung etwas verloren. Vielleicht müssen wir uns die Zielsetzung und die Kraft der politischen und bürgerschaftlichen Gestaltung erst wieder zurückerobern. Ich habe den Eindruck, dass wir in diesem Punkt auf einem guten Weg sind.

Interview: Sandra Hofmeister

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