Material und seine Eigenschaften

Editorial

 

Material und seine Eigenschaften

Stampfbeton oder Stampflehm? Reetgedeckt oder aus Faserverbundelementen konstru­iert? Während der Recherche für diese Aus­ gabe sind wir auf die unterschiedlichsten Materialien gestoßen. Manche gab es bis vor Kurzem noch nicht, andere haben eine lange Tradition, die zuweilen neu entdeckt und weiter interpretiert wird. Wie aber lassen sich Materialien und ihre Eigenschaften bewerten? Welche Werkstoffe sind für welchen Kontext geeignet?
Als der Deutsche Werkbund 1907 gegründet wurde, erklärte er die „Materialgerechtigkeit“ zur Grundlage seines ethisch gefassten Qualitätsbegriffs. Bis heute ist diese Defi­ nition in vielen Bereichen gültig. Sie setzt auf die „ursprünglichen“ Eigenschaften und Erscheinungsweisen von Materialien: Sie sollen nicht versteckt, sondern sichtbar und spürbar sein! Echte Eiche soll nach frischem Holz duften und Marmor seine Adern zeigen – schließlich machen sie deutlich, dass er zur Königsklasse zählt. Doch letztlich ist das mit den Materialeigen­ schaften so eine Sache, gerade heute, wo die Palette der Baustoffe und Essenzen so vielfältig wie noch nie ist. Die Charakteris­tika von Holz, Ziegel oder Stein sind zweifelsohne im allgemeinen kulturellen Gedächtnis verankert. Doch wie sieht es mit Verbundwerkstoffen wie Beton aus, die in strengem Sinn keine „ursprünglichen“ Materialien sind . Noch problematischer wird es bei den noch jüngeren Substanzen: Welche Qualitäten haben Polymerfasern, Kunststeine oder spezielle Schichtstoffplatten? Sind künstlich hergestellte Materialien wie diese grundsätzlich schlechter als die „Naturstoffe“ – als Lehm oder Ziegel? Ist ihre Qualität minderwertiger, weil sie nicht „ursprünglich“ sind? Der Soziologe und Medientheoretiker Jean Baudrillard hat diese Frage mit schlüssigen Argumenten beantwortet: „Jede Gegenüberstellung von Natur­ und Kunststoff ist doch bloß ein Moralisieren. In der Tat und Wahrheit sind die Substanzen nur, was sie sind: Es gibt keine echten und unechten, keine natürlichen und künstlichen.“ Die Differenz der Materialien, so Baudrillard, liege nicht in ihrem Ursprung, im Preis oder in der Eignung, sondern in ihrer Fähigkeit, Stimmungen zu schaffen.
In unserer Januar/Februar­Ausgabe haben wir uns von dieser These leiten lassen und stimmige Atmosphären dokumentiert, die aus der jeweiligen Materialwahl resultieren. Ob die entsprechenden verwendeten Substanzen uralt sind oder erst vor Kurzem erfunden wurden, ob sie als „künstlich“ oder „natürlich“ eingestuft werden können, war nicht ausschlaggebend für unsere Wahl, die sich auf einige Beispiele beschränken musste. Was zählt, sind die Eigenschaften und Merkmale, die ein Material in einem konkreten Kontext entfaltet. Dazu gehören auch Herstellungs­ oder Energievorteile, die auf den ersten Blick vielleicht nicht unmittelbar sichtbar und trotzdem recht wirkungsvoll sind. Auf der Sparrenburg in Bielefeld war der Kontext für die Materialwahl klar vorge­ geben: Der Schweizer Architekt Max Dudler ergänzte die historische Wehranlage durch ein Besucherinformationszentrum aus Stampfbeton. Verschiedenfarbige Schichten zeichnen sich an den Fassaden des kleinen Neubaus ab. Das Material selbst erinnert an das alte Bruchsteinmauerwerk der Burg. Doch die Architektursprache des neuen Flachdachgebäudes ist eigenständig und rigoros zeitgenössisch. Sie trumpft weder ungebührend auf, noch ordnet sie sich dem historischen Bestand unter. Auch die drei Ferienhäuser auf dem Darß greifen bewusst eine Tradition auf und setzen sich doch ge­ zielt von ihr ab. Norbert Möhring hüllte nicht nur die Satteldächer der drei Häuser, sondern auch ihre Längsseiten in Reet. Der ghanaisch­britische Architekt David Adjaye hat von seinen ersten Londoner Projekten an viel Mut zu radikalen Entschei­ dungen bei der Materialwahl bewiesen. Zoë Ryan, die gemeinsam mit Okwui Enwezor die große David­Adjaye­Ausstellung im Haus der Kunst kuratiert, zeigt auf, inwiefern Adjaye dabei stets kontextabhängig vorgeht und obendrein gesellschaftspolitische Parameter berücksichtigt. Der Essay der Professorin und Kuratorin am Art Institute of Chicago gibt Ihnen einen Vorgeschmack zu „David Adjaye. Form, Gewicht, Material“ – die Schau wird Ende Januar in München eröffnen und später nach Chicago wandern.
In unserem Designteil geht Volker Albus der Renaissance des Flechtens auf den Grund und untersucht das Potenzial dieser Traditionstechnik am Beispiel aktueller Entwürfe. Nicola Stattmann und Shay Assaf erörtern die Eigenschaften textiler Fasern. Ihre exemplarische Übersicht zeigt eine überraschende Vielfalt, von drei­ dimensionalen Gestricken bis zu statisch leistungsfähigen Faserverbundstrukturen. Dass Fasern leuchten oder leiten können, hart oder weich sind und sich mit computer­ gesteuerten Technologien verarbeiten lassen, ist für spezifische Anwendungsbereiche von maßgeblichem Vorteil. Mit unserer Januar/Februar­Ausgabe blicken wir auch auf ein neues Jahr und neue Projekte wie die Full House Roadshow, die im Herbst wieder touren wird. Wir freuen uns, wenn Sie uns 2015 wieder begleiten.

Viel Spaß beim Lesen,

Sandra Hofmeister

 

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