Ich bin froh, dass ich in keine Nische passe

 

Werner Aisslinger ist Visionär und Pragmatiker zugleich. In seinem Studio in Berlin, gleich hinter dem Hauptbahnhof, entstehen transportable Energiespeicher und raumschiffartige Leuchten, mobile Häuser und Stühle aus Hightech-Materialien, die selbst für die Automobilindustrie State of the Art sind. Im Ausland gilt Aisslinger oft als deutscher Ökodesigner. Doch dieses Klischee wird seinem Selbst- und Arbeitsverständnis kaum gerecht. Aisslinger spannt seine Projekte und Themen in weiten Bögen und verliert dabei trotzdem nie sein Ziel aus den Augen. Es geht ihm um die Zukunft und um die Frage, wie wir sie sinnvoll und verantwortungsbewusst gestalten können.

Viele Deiner Projekte beschäftigen sich mit Fragen der Energie, mit neuen Technologien und Materialien. Stehen Designer in der gesellschaftlichen Verantwortung, nach neuen Wegen zu suchen?
Ich bin selbst auch Konsument und lese Zeitungen. Wir alle sehen heute, wohin die Welt driftet und leben deshalb insgesamt bewusster. Die Leute interessieren sich deutlich mehr als vor 30 Jahren für Ernährung, sie glauben der Industrie nicht mehr alles und wollen sich nicht mit schädlichen Kunststoffen umgeben. Zwar sind Industrie- oder Produktdesigner immer auch Dienstleister der industriellen Evolution. Aber manchmal ist man eben auch nur Mensch und kommt zu der Auffassung, dass man in seinem Job etwas vorantreiben und sei es als Wissenschaftler, als Journalist oder eben als Gestalter eine Richtung für die Zukunft angeben kann. Deshalb sind Designer mehr als Zahnrädchen in der industriellen Verwertungskette. Die Herausforderung des Berufs liegt für mich darin, nicht nur das zu machen, was jetzt gerade kommerziell funktioniert, sondern auch daran zu denken, was danach kommt.

Dann ist Dein Hemp-Chair, den du dieses Jahr bei Moroso präsentierst, eine solche Herausforderung?
Der Freischwinger wird aus einem neuen Material aus verpressten Naturfasern hergestellt, das es erst seit kurzem gibt und das nun auch in der Automobilindustrie eingesetzt wird – für Seitenpaneele etwa, oder für das Cockpit. Der Kompositwerkstoff ist von BASF entwickelt worden, um die Kunststoffe, die Gase austreten lassen und Chemikalien difundieren, zu ersetzen. Wir haben den Prototypen des Stuhls letztes Jahr schon in Eigeninitiative entwickelt – das Pilotprojekt war eine Technologie-Kooperation mit BASF. Patrizia Moroso, die von dem Stuhl begeistert war, hatte uns dann vorgeschlagen. Aber noch sind wir nicht bei der finalen Werkzeugvariante – es dauert oft, einen Entwurf in die Produktion zu bekommen.

Wie können technologisch anspruchsvolle Projekte wie diese in Eigeninitiative entstehen?
Hightech-Projekte kommen eigentlich nur durch Eigeninitiative zustande. Ich habe bei meinen Technologieexkursen in den letzten 10 Jahren die Erfahrung gesammelt, dass sie meistens selbst vorfinanziert werden müssen. Um sich diese Experimentierlust zu bewahren und sie zu finanzieren, muss man als Designer auch andere Projekte kommerziellerer Natur stemmen.

Trotzdem bleiben frei finanzierte Experimente eher ungewöhnlich im Design.
Das hat in meinem Fall auch damit zu tun, wie ich meinen Job verstehe. Mein Idol ist eher Buckminster Fuller als ein kommerzieller Designer. Natürlich muss man überleben und sein Studio über die Jahre finanzieren. Aber die eigentliche Herausforderung liegt darin, zumindest ab und an Projekte in die Welt zu setzen, die futuristisch sind und hinter denen die Ambition steht, den Beruf, den Alltag oder die Herstellungsprozesse neu zu interpretieren.

Futuristisch ist auch die „Chair Farm“, die Du dieses Jahr in Lambrate in Mailand gezeigt hast. Was hat es damit auf sich?
Es geht grundsätzlich um die Idee, dass Stühle wachsen können. Mit Pflanzen wie Bambus, der täglich 30 cm wächst und schnell verholzt, könnte man Möbel auf Plantagen züchten. Gedankenspiele wie dieses machen mir Spaß, weil sie eher den Visionär denn den Abwickler von Auftragsarbeiten in mir herauskitzeln. Stühle könnten auf Plantagen wachsen!

Es gab in den 60er Jahren – mit Archigram, Buckminster Fuller oder Yona Friedmann eine Zeit der großen Utopien....
... in dieser Zeit hätte ich auch gerne gelebt!

Und auch wenn diese Utopien gescheitert sind, so kommen sie doch wieder stärker ins Bewusstsein.
Ich glaube nicht, dass diese Utopien wirklich gescheitert sind. In Japan wurden damals viele utopische Gebäude mit Modulcharakter gebaut. Und auch wenn es heute keine Walking City gibt, so waren die Anstöße von Peter Cook doch sehr wichtig.

Dein Loft Cube greift die Idee des mobilen Zuhauses auf. Hat diese Lebensform für Großstadtnomaden der heutigen Zeit eine neue Relevanz?
Ganz sicher, und ich bin ein Afficionado dieser Utopien, die Du gerade genannt hast. Als Kind der 60er Jahren bin ich mit ihnen aufgewachsen und heute baue ich auf sie auf. Vielleicht liegen sie tatsächlich eher in der Luft als noch vor 20 Jahren. Jedenfalls ist der Beruf des Designers eine gute Ausgangsposition, um in die Zukunft zu blicken. Wir müssen sie unbedingt im Auge behalten.

Lässt sich der kommerzielle Erfolg solcher Projekte vorhersehen?
Eigentlich stelle ich mir diese Frage nicht. Wer von vornherein auf einen ökonomischen Response hofft, der sollte lieber die Finger von solchen Projekten lassen. Oft ist man seiner Zeit voraus und zu früh. Dann kann es passieren, dass man selbst gar nicht derjenige ist, der von seiner Idee profitiert, weil andere sie übernehmen. Doch damit muss man leben.

Welche Projekte sind es dann, die das Studio Werner Aisslinger in Berlin finanzieren?
Ich habe zum Beispiel auf der Light & Building eine neue Schalter-Serie für Berker präsentiert. Daran haben wie viereinhalb Jahre gearbeitet – ein spannendes Industrieprojekt! Dann machen wir gerade drei Hotelprojekte. Trotzdem haushalten wir mit unserer Zeit, um auch weiterhin zu experimentieren. Für mich sind Experimente wie das Salz in der Suppe eines Designers, weil sie eine visionäre Richtung einschlagen.

Das Michelberger Hotel in Berlin ist eines deiner bereits realisierten Hotelprojekte – und es ist ein sehr beliebter Anlaufpunkt in Berlin geworden. Wie kam es dazu?
Tom Michelberger ist ein ziemlich wilder Vogel aus dem Berliner Clubleben, wir haben das Projekt in einem guten Team über 1,5 Jahre gemeinsam entwickelt. Heute lebt das Hotel auch davon, dass Tom es selbst betreibt und mittlerweile auch dort wohnt. Die Räumlichkeiten sind keine unpersönliche Kulisse, die möglichst effizient betrieben wird, sondern ein lebendiger, von Menschen geprägter Ort. Gelungene Projekte entstehen meistens aus solchen Zusammenhängen. Sie brauchen ein Team, das sich voll und ganz begeistert und auf ein Projekt einlässt.

Es gibt wenige Designer, die ähnlich wie Du so selbstverständlich zwischen Architektur und Möbel- sowie Industriedesign hin- und herspringen können. Wie kommt es dazu?
Das hat sich so ergeben, das Spektrum unserer Projekte hat sich in den letzten Jahren stark geöffnet. Anders als viele Freelance Designer habe ich mich nie ausschließlich auf die Möbelwelt kapriziert und mache heute auch viel Industrie- und Produktdesign. Im Moment abreiten wir gerade an einem Krankenwagen. Gleichzeitig konzipieren wir ein Hotel-Interior für das Bikini-Haus in Berlin und vor kurzem haben wir eine Armbanduhr entwickelt. Ich bin froh, dass ich in keine Nische passe. Man muss offen sein für Alles, auch wenn man von Architekten als Designer nie ernst genommen wird.

Andersherum aber wollen Architekten unbedingt ernst genommen werden, wenn sie als Designer arbeiten.
Das stimmt, aber sie kommen in der Regel nur über große Stückzahlen zum Design. Die meisten Sachen, die Architekten entwerfen, finde ich grauenhaft. Arne Jacobsen konnte das – er war einer der wenigen, der famose Häuser und gleichzeitig Möbel und Leuchten konzipierte. Aber die meisten Architekten erzwingen die Ausweitung ihres Berufsfeldes, obwohl sie eigentlich gar nicht so generalistisch aufgestellt sind. Nur die wenigsten Architekten sind auch im Design gut.

Interview: Sandra Hofmeister

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