Lizenz zum Betonieren
 
Museum für Moderne Kunst in Rom – von Zaha Hadid Architects

Das neue Maxxi in Rom präsentiert sich als Rennstrecke für Besucher und als selbstreferentielle Hülle, die nicht die Kunst, sondern sich selbst sublimiert.

Die italienische Trikolore schwenkend feiert sich Gianni Alemanno gerne selbst – auf seiner eigenen Internetseite liegt ihm dabei auch noch das Forum Romanum zu Füßen. Der ehemaligen Neofaschist und heutige Bürgermeister von Rom sieht sich als nationaler Ordnungshüter und Retter der antiken Tradition. Für die Moderne hingegen hat der ultrarechte Politiker nur Verachtung übrig. Erst nach internationalen Protesten ließ er von seinen Plänen ab, Richard Meiers gläsernen Bau für die Ara Pacis drei Jahre nach seiner Eröffnung wieder abzureißen, um das Zentrum Roms von diesem wörtlich so bezeichneten „Schandfleck“ zu befreien.
Gegen das neue Museo Nazionale delle Arti del XXI Secolo – auf die kurze Formel MaXXI gebracht – ist Alemanno jedoch machtlos. Vor fast 11 Jahren, noch während der Prodi-Regierung, hatten Zaha Hadid und Patrik Schumacher den internationalen Wettbewerb für den Neubau am Tiber gewonnen. Trotz sechs Regierungswechsel während der Planungs- und Bauzeit wurde das Museum für zeitgenössische Kunst im November fertiggestellt. Ein Erfolg, der auch dem Durchhaltevermögen der Architekten und dem Starkult um Zaha Hadid anzurechnen ist. Mit dem Prestigeverlust, ein nationales Projekt dieser Größenordnung zu kippen, hätte sich die Berlusconi-Regierung schwer getan. „Finally we made it“, bemerkte Zaha Hadid nüchtern beim Presserundgang im November. Sie wirkte dabei stolz aber auch etwas erschöpft.

Sich verdichtende Achsen
Nun hat das antike und barocke Rom also ein eigenes Haus für zeitgenössische Kunst und Architektur. Obgleich der eigenwillige Bau in der Via Guido Reni 10, nicht weit entfernt von Renzo Pianos Parco della Musica sowie Nervis und Vitellozzis Palazzetto dello Sport, erst im Frühjahr offiziell seine Tore öffnet, zeigt er heute schon historische Züge. Drei Betonbänder, mal ineinander geschlungen oder übereinander geknotet, dann wieder entflochten, ducken sich zwischen die Wohnhäuser im Flaminio-Viertel nördlich der Piazza del Popolo und bleiben sogar unter deren Traufkante. Auf große, ausladende Gesten, die beispielsweise in Hadids Plänen für die Oper in Dubai angedacht waren – ein Projekt, das nun wohl nicht realisiert wird –, verzichtet der römische Sichtbetonbau und hält sich anders als viele signature-buildings eher im Hintergrund, versteckt sich regelrecht in seiner Umgebung. Seine Ikonographie erinnert an frühere Gebäude der Londoner Architekten, zum Beispiel an das BMW-Hauptgebäude in Leipzig (Baumeister 2005/VI). Kraftvolle Linien prägen den Charakter beider Entwürfe, die nicht als kubische Volumina sondern als konzentrische, sich verdichtende Achsen und räumliche Kurven konzipiert sind. Doch anders als in Leipzig sind die Fluchten und Windungen in Rom nicht durch Produktionsabläufe auf einem Werksgelände vorgegeben. Der museale Kurvenknoten auf dem ehemaligen Kasernengelände bezieht sich nur auf sich selbst. Sein Bewegungsfluss mündet nicht in den Achsen der Umgebung, sondern im Nichts. Aus stadtplanerischer Sicht ist das neue Museum nicht geglückt. Die vorgelagerte Piazza greift das Linienspiel, dessen Körperhaftigkeit und samtene Oberfläche der Sichtbeton vorgibt, im Bodenpflaster auf, wird aber im Norden und zu den Nachbargrundstücken abrupt unterbrochen. Wer sich dem Gelände von der zentralen Bus- und Trambahnstation nähert, steht vor einem meterhohen Zaun, der keinen Durchlass gewährt. Offen ist der Kunstcampus, wie ihn die Bauherren gerne nennen, also durchaus nicht. Hinzu kommt, dass die vorgelagerte Piazza auf dem L-förmigen Grundstück, das einen Teil der historischen Kasernen als temporären Ausstellungsraum einbezieht, nur während der Museumsöffnungszeiten zugänglich ist.

Schwindelerregende Dynamik statt Orientierung
Hinter dem verglasten Haupteingang, der unter dem weit auskragenden Baukörper verborgen ist, öffnet sich ein großzügiges Foyer. Gekonnt wird der Bewegungsfluss in diesem imposanten Entree leitmotivisch aufgegriffen und räumlich entfaltet. Eine gewaltige Treppenskulptur mit dunklen Stahlbrüstungen verzweigt sich schwindelerregend nach oben, gabelt sich in Podesten und Rampen, lässt durch ihre Gitterrostboden Durchblicke nach oben zu und schraubt sich dann samt bündigen Lichtbändern an der Unterseite bis unter das Glasdach im zweiten Stock. Statt klare Orientierungshilfen für Besucher vorzugeben, schufen die Architekten einen ganz in weiß, schwarz und Sichtbeton gehalten Erlebnisraum, der am besten in Bewegung, im Treppen steigen, flanieren und im Sog der kraftvollen Linien erfahren wird. Selbst geübte Kenner werden den Museumsgrundriss angesichts dieser Dynamik schnell beiseite legen, um sich ganz der Architektur anzuvertrauen und ihrem Bewegungsströmen zu folgen. Anstelle musealer Kabinette haben die Architekten entsprechend diesem Konzept taumelnde Räume geschaffen, deren Kurven und Krümmungen an Tempo zulegen, sich dann wieder verlangsamen und insgesamt ganz auf sich selbst konzentrieren. Ein Fest für die Architektur – nicht aber für die Kunst, die demnächst hier ausgestellt werden soll.

Leitplanken aus Sichtbeton
Die Ausstellungsräume, die sich über dem Erdgeschoss samt großem Auditorium in den in langgezogenen Räumen der oberen Geschosse befinden, werden zum Formel 1-artigen Parcours mit Leitplanken aus mattem Sichtbeton. Schmale Lichtlinien in den Decken und Durchblicke auf die Glasdecke, deren filigrane Sichtbetonlamellen vor direktem Sonnenlicht schützen und das Kurvenensemble noch unterstützen, erhellen die Museumsräume von oben. Ausblicke auf die Umgebung werden in dieser Rennstrecke zwischen all den Kurven, Brücken und Traversen nur selten gewährt. Zum Beispiel im großen Saal in der zweiten Etage, der sich mit ansteigendem Boden zu einem Schaukasten vorbeugt und den Blick auf die Piazza freigibt. Insgesamt bleibt fraglich, wie sich in den schmalen Räumen und an den gekrümmten Wänden Kunst ausstellen lässt. Die Ausstellungsexponate werden sich in Durchgängen und Sackgassen dem Bewegungsfluss unterordnen müssen. Doch für die Planung war dies zweitranging: Die Sammlung zeitgenössischer Werke, die auf den insgesamt 10.000 m2 Ausstellungsfläche des Maxxi einziehen wird, umfasst gerade mal 300 Werke – sie ist nicht größer als eine private Kollektion. Auch die Qualität des Architekturmuseums, das sich auf fast 2.000 m2 im ersten Stock ausbreiten darf, ist bislang nicht vielversprechend. Denn die großen Nachlässe, etwa von Aldo Rossi und Carlo Scarpa, sind längst an andere Institutionen und teilweise ins Ausland vergeben. Mit dem Maxxi hat Italien, und Rom insbesondere, einen längst überfälligen Schritt in Richtung Moderne getan und ein Zeichen gesetzt. Doch das Gebäude selbst präsentiert sich als selbstreferentielle Hülle. Den Wettstreit mit der Kunst wird es zweifellos gewinnen – auch wenn es kein icon ist.

Text: Sandra Hofmeister

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