In der Wunderkammer der digitalen Kultur

Das Théâtre de la Gaîté Lyrique in Paris nach dem Umbau von Manuelle Gautrand

Monumentale Säulen mit dekorativen Goldreliefs und korinthischen Kapitellen tragen das prunkvolle Gewölbe im Foyer des Theaters. Früher, unter Napoleon III, versammelte sich die feine Gesellschaft des Second Empire im Théâtre de la Gaîté Lyrique zu musikalischen Soirées von Jacques Offenbach. Heute trifft sich die Pariser Szene für elektronische Musik und digitale Kultur in den geschichtsträchtigen Hallen. Manuelle Gautrand verwandelte das historische Opernhaus im Zentrum von Paris in ein lebendiges und modernes Forum, das Live-Konzerte und Performances, Video-Inszenierungen sowie Raum- und Lichtexperimente, Theater- und Tanzaufführungen, unter seinem Dach vereint. Die historische Fassade und das repräsentative Foyer des Gebäudes im dritten Arrondisement blieben erhalten – in Bezug auf die großteils zerstörten sonstigen Räume und Säle hingegen erhielt die in Marseille geborene Architektin carte blanche zu einer umfassenden Neugestaltung.

„Für ein Gebäude ist es wichtig, dass es mehrere Geschichten und mehrere Leben hat, vor allem wenn es sich dabei um ein öffentliches Gebäude handelt. Es war sehr reizvoll für mich die Verbindung zwischen digitaler Kunst und elektronischer Musik auf der einen Seite und der Vergangenheit auf der anderen Seite herzustellen – zu all den mehr oder weniger glanzvollen Seiten, die den Charakter dieses Gebäudes geprägt haben“, erläutert Manuelle Gautrand ihren Entwurfsansatz. 1862 war das Theater im Zentrum von Paris eröffnet worden, doch der Glanz der zweiten Kaiserzeit stellt nur eine kurze Phase seiner spannungsreichen Geschichte dar. So wurde das Haus mehrfach umgebaut und umgenutzt, bis es in den 1980er Jahren als Vergnügungstempel verkam und bis zur Unkenntlichkeit entstellt wurde. Mit der Schließung Ende der 80er Jahre verlor die Stadt ein kulturelles Zentrum, dessen Wiedereröffnung sich der Pariser Bürgermeister Bertrand Delanoë seit seiner Wahl 2001 annahm. Insgesamt 85 Millionen Euro stellte die Stadt für den Umbau und die Umwandlung des Hauses in ein modernes Forum zur Verfügung. Nach rund acht Jahren Planungs- und Bauzeit wurde die Gaîté Lyrique im März 2011 wieder eröffnet. Das vielseitige kulturelle Programm des Hauses spricht nun vor allem ein junges Publikum im Alter zwischen 15 und 35 Jahren an.

Digitaler Frohsinn
Statt historischer Kristalllüster geben reduzierte, moderne Deckenleuchten bereits im Foyer einen Hinweis auf die neue Nutzung des Gebäudes. Ihre ausladenden, zylinderförmigen Lampenschirme sind digital bespielt, kommunizieren untereinander und werden zur Projektionsfläche für programmierte Lichtinszenierungen, die den Namen des Gebäudes Referenz erweisen und seine Bedeutung ins digitale Zeitalter übertragen. „Gaîté Lyrique“ bedeutet so viel wie „lyrische Heiterkeit“. Verspielt und leicht öffnet sich hinter der historischen Fassade eine experimentelle Welt, die Besucher mit Ausstellungen und speziellen Räumen für Installationen, Konzertsälen und Audio-Boxen in ein Universum der Entdeckungen und Wahrnehmungen einführt. Die historische Entwicklung vom Phonographen bis zum iPad, vom Cinematographen bis zu 3D-Techniken wird dabei ebenso beleuchtet wie aktuelle Ereignisse, die in Konzerten, Live-Performances und Multimedia-Installationen erfahrbar werden. „Wir wollen hier das zeitgenössische Phänomen der digitalen Kultur beleuchten und einen Schlüssel zum Verständnis dessen liefern, was heute vor sich geht“, erläutert Jérôme Delormas, Direktor der Gaîté Lyrique. Als Ort Tool Box der digitalen Kultur und Labor für kulturelle Begegnungen zeigt die Gaîté Lyrique Projekte junger experimenteller Theatergruppen wie des Rimini Protokoll Kollektivs, bietet Avantgardemusikern wie Brian Eno Raum für 3D-Performances und stellt persönliche Sichtweisen wie die der britischen Künstlergruppe Matt Pyke & Friends auf die Welt neuer Technologien vor. In der furiosen Installation „Rien à cacher/rien à craindre“, welche die britische Künstlergruppe United Visual Artists zur Eröffnung des Gebäudes schuf, verschmelzen Licht, Raum und Klang zu einer umfassenden multimedialen Inszenierung, wobei sich die Grenzen jeweils auflösen und zu seinem sinnlichen Gesamteindruck verbinden.

Black Box für Klang- und Multimediainstallationen
Kernstück der neuen Gaîté Lyrique, die auf insgesamt 9.000 Quadratmetern Kapazitäten für 1.500 Besucher bietet und fünf ihrer sieben Stockwerke für das Publikum öffnet, sind drei Räume für Konzerte und Performances. Wie einzelne Module fügen sich die Säle zu einem breiten Angebot, das den Künstlern und dem Publikum gleichermaßen eine große Bandbreite an Erfahrungs- und Inszenierungsmöglichkeiten bietet. Der große Saal ist aus akustischen Gründen als black box konzipiert, die wie ein Theater im Theater im inneren Gebäudekern liegt und sich von seiner Umgebung abschottet, sodass die benachbarten Wohnhäuser der Gaîté nicht beeinträchtigt werden. Die insgesamt 300 Sitzplätze des Saals sind als flexibles Set an Möglichkeiten in verschiedenen Konstellationen denkbar und können je nach Bedarf wie die Bühne selbst konfiguriert und um Bildschirminszenierungen ergänzt werden. Insgesamt 46 screens und ein aufwändiges akustisches System machen den Saal zu einer variabel bespielbaren großen Bühne, die Künstler jeweils neu gestalten und ausrichten können. Von außen wird der große Saal durch eine Spiegelwand erkennbar, die ihn von den angrenzenden Räumen trennt. Unterschiedliche Raumproportionen, Bühneninszenierungen und Klang- sowie Multimediaabenteuer sind auch im kleinen Saal dank seines hohen technischen Standards möglich. Mit 70 bis 150 Plätzen bleibt auch er in seiner Struktur flexibel: Seitenwände können verschoben und der Boden in verschiedenen Höhen fixiert werden, so dass alle Arten an Performances, Konzerten und Installationen denkbar sind.
Ein besonderes Erlebnis in der Gaîté Lyrique bleibt die „Chambre sonore“: Als fensterloser Raum in wechselnde Lichtfarben gehüllt, reagiert der sensitive Boden auf seine Besucher und setzt Bewegungen in ein programmierte Welt aus Klängen und Lichteffekten um. Wie einzelne Module gruppieren sich Empfang, Ausstellungen, Cafés und Foyer um die beiden Säle und das Auditorium. Dabei sind verschiedene Funktionen teilweise in offene Boxen integriert, in denen Manuelle Gautrand ihr Spiel mit dem Raum im Raum aufgreift. Mal werden die farbigen Elemente als Audioboxen und mal als Video-Plätze genutzt. Sie können aber auch als Büro- und als Künstlerarbeitsplätze dienen. Für die Künstler in Residence und für Workshops, die in der Gaité ebenfals angeboten werden, gibt es außerdem Ton-, Aufnahme- und Multimediastudios, die unter dem Dach des Hauses liegen.

Architektur und Begegnung
„Für mich ist das gesamte Gebäude eine Art Körper, in dem sich die Künstler einrichten und von überall aus kommunizieren können“, erklärt Manuelle Gautrand. Ihre Architektur versteht sich als ein Dispositiv für die Begegnung mit der digitalen Kultur, sie macht Erfahrungen möglich, gibt einen wandelbaren und je nach Bedarf veränderbaren Rahmen für sie vor, und optimiert die Möglichkeiten und Voraussetzungen für die Wahrnehmung. Die Begegnung mit dem historischen Theatergebäude wird so zum Abenteuer der digitalen Kultur: Heute Abend diskutiert das niederländische Duo Joan Heemskerk and Dirk Paesmans mit Besuchern über die Folklore im World Wide Web, später treten mit Congos und Abyssinians zwei jamaikanische Reggae-Größen auf, und morgen wird die Gruppe versus 2.0 den großen Saal mit ihrem Elektropop-Konzert in eine vibrierende Erlebnishöhle verwandeln. Schon immer war Paris eine Stadt, die sich den Künsten gegenüber aufgeschlossen gab. Bis heute hat sie diese Rolle bis heute dank des politischen Selbstverständnisses nicht aufgeben und fördert die digitale Kultur mit großer Geste. Ihr überhaupt Raum zuzugestehen, ist nicht selbstverständlich. Sie dann noch in einem Traditionsgebäude wie der Gaîté Lyrique anzusiedeln, ist ein starkes Zeichen für die Zukunft. Nicht nur den Fans kommt dieses Zeichen zugute, sondern auch neugierigen Besuchern, die schnell bekehrt werden können.

Text: Sandra Hofmeister

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