baunetz, 21.4.2026

Nach Jahren der Forschung und Restaurierung ist die Villa Beer von Josef Frank und Oskar Wlach zu neuem Leben erwacht. Die Sanierung des denkmalgeschützten Hauses in Wien-Hietzing setzt sich größtmögliche Authentizität zum Ziel.

Sandra Hofmeister, bauhandwerk, 5.2026

 

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Photo: Hertha Hurnaus

Als Lothar Trierenberg vor fünf Jahren zum ersten Mal die damals leerstehende Villa Beer im 13. Bezirk Wiens betrat, wusste er nur wenig über ihre Geschichte und war doch sofort begeistert. 2021 erwarb er das berühmte sanierungsbedürftige Gebäude – eine Ikone der Wiener Moderne. Er gründet die Villa Beer Foundation und machte sich an die Verwirklichung der Vision, das architektonische Hauptwerk von Josef Frank wiederzubeleben. „Das Haus soll vor allem erlebbar machen, welche Kraft gute Architektur hat – das ist es, was in der Villa Beer unmittelbar spürbar ist“, sagt Trierenberg heute. Nach aufwendiger Forschungs- und Restaurierungsarbeit ist die Villa Beer seit März für die Öffentlichkeit zugänglich. Neben den Führungen durch das private Wohnhaus sieht das Programm der Stiftung Symposien, Workshops und andere kulturelle Veranstaltungen vor. Die drei Gästezimmer unter dem Dach werden vermietet.

 

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Photo: Hertha Hurnaus

Jüdische Schicksale

Josef Frank und Oskar Wlach hatten das große Wohnhaus in der Wenzgasse 12 samt Garten und Einrichtung für den Wiener Gummifabrikanten Julius Beer und seine Frau Margarethe entworfen. 1930 zog die Familie mit zwei Hausangestellten in ihr neues Zuhause. Für die großzügigen Räume mit über 600 m2 Wohnfläche hatten die Architekten raffinierte Details wie einen Speiseaufzug und eine Garage konzipiert. Mit riesigen Fenstern zur Gartenseite, fünf Balkonen und weiteren Terrassen kombinierten sie Innen und Außen als Einheit. Die Villa Beer ist das gebaute Manifest einer Moderne, die für Spontaneität und Freiheit im Wohnen steht. Ihre Geschosse und Zwischengeschosse sind als offene Abfolge an Räumen mit unterschiedlichen Höhen konzipiert. Ergänzend dazu zogen die Archtitekten raffinierte Blickachsen durch das ganze Haus bis in den Garten. „Modern ist das Haus, das alles in unserer Zeit Lebendige aufnehmen kann und dabei doch ein organisch gewachsenes Gebilde bleibt“, schreibt Frank in „Architektur als Symbol“. Diese undogmatische Vorstellung des modernen Wohnens ist in der Villa Beer verwirklicht.

 

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Photo: Hertha Hurnaus

Der kunstsinnigen jüdische Familie Bauherrenfamilie währte kein langes Glück in ihrem neuen Haus. Schon ab 1932 musste sie Räume untervermieten und wenige Jahre später verkaufen. 1940 flohen Julius und Margarethe Beer mit ihrem Sohn Hans vor den Nationalsozialisten in die USA, Josef Frank war zu diesem Zeitpunkt längst im Exil in Schweden. Elisabeth Beer, die in Wien zurückgeblieben war und ihren Eltern folgen sollte, wurde deportiert und ermordet.

 

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Photo: Hertha Hurnaus

Das Schicksaal der Familie Beer steht exemplarisch für die Vertreibung und Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in Wien, die Villa Beer ist ein Denkmal dieser Geschichte. Das Gebäude ist im Lauf der Jahrzehnte mehrfach verkauft und in einzelne Wohnungen aufgeteilt worden. Seit 2008 stand die Villa leer. Ihre Renovierung ist ein Glücksfall, Lothar Trierenberg und der Architekten Christian Prasser von cp-architektur steuerten den mehrjährigen Prozess in enger Zusammenarbeit mit dem Bundesdenkmalamt sowie Expertinnen und Handwerksbetrieben. Die restauratorischen Untersuchungen zur Sanierung leitete Alexandra Sagmeister. Ziel der Renovierung war, den ursprünglichen Charakter der Villa zu bewahren und eine zeitgemäße Nutzung zu ermöglichen.

 

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Photo: Villa Beer

Größtmögliche Authentizität

Um Feuchtigkeit fernzuhalten, erhielt der ziegelgemauerte Keller neue Fundamente, auch die 6 cm dünne, feuchte Bodenplatte ist erneuert. Das zur Bauzeit moderne Heizsystem – die Villa wurde zentral im Keller mit Kohle beheizt – konnte auf Wärmepumpen umgestellt werden, die mit Geothermie und mit Photovoltaik nachhaltig betrieben sind und die originalen, instandgesetzten Radiatoren aus Gusseisen nutzen. Das neue Gebäudeautomationssystem ist weitgehend in der originalen Leitungsführung der Elektrik organisiert, so konnte das Aufstemmen der Wände im Wesentlichen verhindert werden. Alle erhaltenen Bauteile der Villa sind für die Sanierung von Experten analysiert worden, um den Originalzustand von 1930 mit größtmöglicher Genauigkeit zu eruieren und wiederherzustellen. Dabei kam es vielfach zu ungewöhnlichen Lösungen, die auf eine Kombination aus Handwerk, Technologie und kreativen Erfindergeist setzen. Dies betrifft auch das ursprüngliche Fassadenbild mit einer Putzschicht aus Dolomit-Sand. Da dieser feinkörnige Sand heute nicht mehr erhältlich ist, wurde für den neuen, dünnen Überriebputz eine Tonne Sand vor Ort handversiebt. Das äußere Erscheinungsbild der Villa ist heute ganz nah am Originalzustand von 1930. Auch die Attika, die im langen Leben der Villa erhöht wurde, ist heute auf ihre Originalhöhe zurückgebaut , die Proportionen des Hauses entsprechen wieder dem Entwurf von Frank und Wlach.

 

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Photo: Stefan Huger

Fenster und Licht

Für die Atmosphäre in den Innenräumen sind filigranen Metallrahmen aller Fenster entscheidend. Durch sie fällt der Blick ungestört nach Draußen, der Garten wird zum steten Begleiter des Wohnens und ist omnipräsent in den Innenräumen. In Detailarbeit setzte der Schlosser die dünnen Fensterrahmen sowie die originalen Scherengitter instand, befreite 43 Fenster mit 250 Flügeln und 750 Messingscharnieren von Lack und Rost, stellte wo nötig Schließmechanismen wieder her. Im Gegensatz zu den leicht welligen gezogenen Fensterscheiben, von denen noch einige aus der Originalzeit erhalten sind, waren die fünf monumentalen Fenster in den repräsentativen Räumen im Erdgeschoss aus Spiegelglas. Im Erker waren die großen durchgängigen Scheiben 2,30 m hoch. Bombeneinschläge hatten die Gläser durch ihre Druckwellen zerstört.  Da Spiegelglas heute nicht mehr produziert werden kann, kam für die großen Glasflächen modernes Isolierglas in einer Sonderausführung mit doppelter Verglasung in Weißglas zum Einsatz – maßgefertigt für diesen Zweck. Die eleganten Fensterbänke aus Kunststein sind mit Laserstrahl gereinigt und Zentimeter für Zentimeter von Verschmutzungen befreit worden.

 

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Photo: Stefan Huger

Parkett und Kautschuk

Schon früh im Sanierungsprozess stellte sich heraus, dass die Unterkonstruktion der Parkettböden großteils beschädigt war. Deshalb wurde jeder einzelne Parkettstab der Böden im Erdgeschoss und in den privaten Zimmern im ersten Obergeschoss beschriftet, entfernt und nach einer gründlichen Reinigung wieder an seine Stelle auf einen neuen Unterboden gesetzt. Das Schachbrett-Parkett des großen Speisezimmers ist aus vier unterschiedlichen Hölzern gefertigt, die nach ihrer Behandlung mit Leinöl wieder als markantes Muster strahlen. Josef Frank hatte die Farbigkeit der Innenräume absichtlich reduziert – Farbe kam in seinen Augen ohnehin in den Alltag, und zwar durch das Mobiliar seiner Firma Haus & Garten und die Menschen.  Eine Ausnahme machte er jedoch beim hellgrünen Gummiboden in den Funktions- und Serviceräumen sowie auf der Nebentreppe – ein damals neuartiges Produkt, das nicht zufällig im Haus des Gummifabrikaten Beer verlegt wurde. Über die Jahre war der Naturkautschuk rissig geworden und hatte sich durch die UV-Einstrahlung verfärbt. Wo nötig wurde der Boden erneuert und wo möglich aufwendig restauriert. Nach der Reinigung mit einem Trockeneis-Strahl und einem dünnen Abschliff sind kleine Löcher und Risse mit einem grünen Naturwachs versspachtelt worden, hinzu kam farbloses Wachs als Finish.

 

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Historische Aufnahme der Eingangshalle in der Villa Beer, Photo: Julius Scherb

Raumsequenzen der Moderne

Mit der Villa Beer hat Josef Frank die Idee umgesetzt, modernes Wohnen als Raumsequenz zu verstehen – wie in einer Stadt. Sein Schlüsseltext „Das Haus als Weg und Platz“ erläutert diesen Zusammenhang, der nach der Sanierung der Villa Beer erlebbar wird. Vor der Straßenfassade, die asymmetrisch rhythmisiert ist und durch ihr ungewöhnliches, großes Rundfenster besticht, wurde im Zuge der Sanierung eine große, 60 Jahre alte Robinie gepflanzt. Auch als die Beers vor fast 100 Jahren einzogen, stand dieser ein sommergrüne Baum vor ihrer Villa. Vom Musikzimmer auf der Galerie des Hauses fällt der Blick durchs Fenster heute wieder auf die Äste des Baums, dessen gefiederten Blätter im Wind zittern.

 

Bauherr: Villa Beer Foundation
Standort: Wenzgasse 12, 1130 Wien
Nutzfläche: Bestand 893,53 m2, Zubau 80m2

Grundstück: 3169 m2
Architektur: cp-architektur, Christian Prasser
Projektleitung: Benedikt Dekan
Landschaftsplanung: Auböck + Kárász Landscape Architects, Wien
Bauphysik Roland Müller
Statik: Brand Zivilingenieure
Gebäudetechnik: Käferhaus
Restauratorin (Leitung): Alexandra Sagmeister, Wien
Baumeister: Pittel+Brausewetter
Steinrestaurierung: Martin Pliessnig
Metallrestaurierung: Schmiedetechnik Steiner
Metallrestaurierung: Christoph Melichar
Bauspengler: Hartmut Köck
Heizung, Lüftung, Sanitär: Siegfried Manschein
Elektroinstallationen: Elektro Palmeshofer
Holzrestaurierung Wiesauer & Co.
Malerei und Anstrich: Valenta & Valenta
Glasbau: Saurer Glas
Fliesenleger: Baukeramik

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