Foto: Wolf Bohne

Schluss mit den Abgesänden auf Venedig! Im Alltag erlebe ich die Stadt anders - hier lerne ich Facetten kennen, die es in keine Schlagzeile schaffen.

Sandra Hofmiester
Frankfurter Allgemeine Zeitung 16.05.2026

 

Portrat Sandra

 Foto: Wolf Bohne

Venedig ist ein Fisch. So beschreibt der venezianische Autor die Shilouette der Stadt aus der Vogelperspektive. Er meint, die Habsburger hätten den Fisch vor bald 200 Jahren an die Angel genommen. Seitdem ist die Stadt in der Lagune durch eine Brücke mit dem Festland verbunden. An der Schwanzflosse des Fischs – weit weg vom Festland  und vom Bahnhof – ist es am Schönsten. Hier ist Venedig noch bei sich, und hier ist mein zweites Zuhause.

 

Castello

Foto: Sandra Hofmeister

Ein Freund aus München hat mich neulich gefragt, warum ich mir diese Wasserstadt ausgesucht haben, die doch dem Untergang geweiht sei. Vielleicht hat er Recht, vielleicht hält die Schutzanlage Mose den steigenden Meeresspiegel und das Hochwasser nur vorläufig ab. Und obendrein sind die internationalen Schlagzeilen zu Venedig meistens negativ – zu viele Touristen, diese Promi-Events, das Hochwasser… Aber mein Venedig ist genau das Gegenteil von all dem und ganz anders. Im Alltag erlebe ich die Lagunenstadt als Vorbild für andere Städte. Venedig ist keine sterbende Kulisse und nicht nur Erinnerung, sondern auch ein Entwurf für die Zukunft.

Der Markusplatz und der Rialto sind weit weg von den Giardini in Castello. Ich bin im östlichsten „sestiere“ der historischen Stadt zu Hause – Venedig ist in sechs Bezirke unterteilt, die „sestieri“ – „Sechstel“ heißen. Vor 100 Jahren haben in den damals neu errichteten Backsteinhäusern von Castello Arbeiterfamilien gewohnt, die in den Werften des Arsenale beschäftigt waren. Heute ist das Viertel bodenständig und international zugleich. In meiner Nachbarschaft wohnen Rentnerinnen, die ihr ganzes Leben hier verbracht haben, Familien mit Schulkindern, Wassertaxiunternehmer und Lehrerinnen, Professorinnen aus England und Galeristen aus Deutschland. Mein Haus hat acht Parteien und nur eine AirBnB-Wohnung mit wechselnden Gästen, die fast ein Jahr im Voraus buchen. Ich habe Glück, es gibt eine gute Hausgemeinschaft, und wir unterstützen einander, wo immer es geht.

Dabei ist das Leben in Venedig keineswegs idyllisch. Bezahlbarer Wohnraum ist sehr knapp, vor allem für Familien und Studierende. Die Mieten sind hoch, die Wohnungen oft dunkel und feucht, der Tourismus hat den Wohnungsmarkt fest im Griff. Mehr als zwei Drittel der „residenti permanenti“, der Venezianerinnen und Venezianer mit erstem Wohnsitz in der Stadt, leben heute schon auf dem Festland in Mestre, die Tendenz ist steigend. Zu Alfred Dürers Zeiten um 1500, der deutsche Maler war gleich zweimal zu Besuch in der handelsmetropole Venedig, war Stadt im Wasser eine der größten Europas, vergleichbar mit Paris oder Neapel. Heute leben im historischen Venedig nur noch rund 50.000 Menschen. Es gibt mehr Gästebetten als Einwohnerinnen und Einwohner.

Aber mein Venedig beginnt jeden Morgen nicht mit Zahlen, sondern mit Stimmen und Begegnungen. „Bondì, cara!“ ruft Aldo, wenn ich seine Bäckerei betrete, „guten Tag meine Liebe“. Kaum jemand kommt hier herein, den er nicht persönlich kennt. Sehr früh morgens schon steht er in seiner in seiner Backstube; aufgebackene Tiefkühl-Panini gibt es nicht bei Aldo. Gleich um die Ecke sind noch drei weitere Bäckereien und alle backen selbst. In anderen Städten würde man das vielleicht für Folklore halten, hier aber ist es der normale Alltag....

 

Der  gesamte Text ist in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung am 16. Mai 2026 erschienen. 

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